Der Rappe des Comturs

Conrad Ferdinand Meyer

1892

Herr Konrad Schmid legt′ um die Wehr, Man führt′ ihm seinen Rappen her: “Den Zwingli lass ich nicht im Stich, Und kommt ihr mit, so freut es mich.” Da griffen mit dem Herren wert Von Küsnacht dreissig frisch zum Schwert: Mit Mann und Ross im Morgenrot Stiess ab das kriegbeladne Boot. Träg schlich der Tag; dann durch die Nacht Flog Kunde von verlorner Schlacht. Von drüben rief der Horgnerturm, Bald stöhnten alle Glocken Sturm, Und was geblieben war zu Haus, Das stand am See, lugt′ angstvoll aus. Am Himmel kämpfte lichter Schein Mit schwarzgeballten Wolkenreihn. “Hilf Gott, ein Nachtgespenst!” Sie sahn Es drohend durch die Fluten nahn. Wo breit des Mondes Silber floss, Da rang und rauscht ein mächtig Ross, Und wilder schnaubts und näher fuhrs … “Hilf Gott, der Rappe des Komturs!” Nun trat das Schlachtross festen Grund, Die bleiche Menge stand im Rund. Zur Erde starrt′ sein Augenstern, Als sucht′ es dort den toten Herrn … Ein Knabe hub dem edeln Tier Die Mähne lind: “Du blutest hier!” Die Wunde badete die Flut, Jetzt überquillt sie neu von Blut. Und jeder Tropfen schwer und rot Verkündet eines Mannes Tod. Die Komturei mit Turm und Tor Ragt weiss im Mondenglanz empor. Heim schritt der Rapp das Dorf entlang, Sein Huf wie über Grüften klang, Und Alter, Witwe, Kind und Maid Zog schluchzend nach wie Grabgeleit.

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Der Rappe des Comturs

Interpretation

Das Gedicht "Der Rappe des Comturs" von Conrad Ferdinand Meyer erzählt die tragische Geschichte eines Ritters, Herr Konrad Schmid, der mit seinem Rappen in den Kampf zieht und nicht zurückkehrt. Das Gedicht beginnt mit der Aufbruchsszene, in der der Ritter seine Entschlossenheit zeigt, Zwingli nicht im Stich zu lassen, und mit dreißig Gefährten von Küsnacht in den Krieg zieht. Die Stimmung ist zu Beginn noch voller Hoffnung und Mut, symbolisiert durch das Morgenrot und das kriegsbereite Boot. Die zweite Strophe beschreibt die Angst und Trauer der Zurückgebliebenen, als die Nachricht von der verlorenen Schlacht eintrifft. Die Glocken läuten und die Menschen am See warten ängstlich auf Nachrichten. Die Atmosphäre ist bedrohlich, mit einem Kampf zwischen Licht und Dunkelheit am Himmel, was die Unsicherheit und Furcht der Menschen widerspiegelt. Die letzte Strophe bringt die traurige Auflösung: Der Rappen des Komturs kehrt allein zurück, verletzt und auf der Suche nach seinem Herrn. Die Menschen im Dorf erkennen das Schlachtross und folgen ihm wie eine Trauergemeinde. Der Rappen, ein Symbol für die Treue und das Leid des Krieges, hinterlässt einen tiefen Eindruck bei den Dorfbewohnern, die den Verlust ihrer Männer betrauern.

Schlüsselwörter

ross stand hilf gott herr konrad schmid legt

Wortwolke

Wortwolke zu Der Rappe des Comturs

Stilmittel

Alliteration
Mit Mann und Ross im Morgenrot
Anapher
Hilf Gott, ein Nachtgespenst! ... Hilf Gott, der Rappe des Komturs!
Bildsprache
Die Wunde badete die Flut
Enjambement
Zur Erde starrt′ sein Augenstern, / Als sucht′ es dort den toten Herrn ...
Hyperbel
Und was geblieben war zu Haus, Das stand am See, lugt′ angstvoll aus
Kontrast
Der Horgnerturm ... Glocken Sturm
Metapher
Sein Huf wie über Grüften klang
Personifikation
Heim schritt der Rapp das Dorf entlang
Symbolik
Jeder Tropfen schwer und rot verkündet eines Mannes Tod