Der Radi und die gelbe Rubn
1808Die Veigerln blühn, die Baam schlagn aus, Im Wald springt′s junge Reh, Und weil jetzt niemand schießen darf, So schießt ′s Getrad in d′ Höh.
Und in an Bacherl silberhell, Zwischen Moos und grün′n Fichtn, Da schwimmen Fischerln hin und her Und sagn sich schöne Gschichtn.
Nur in an Garten hintern Haus Da steht a gelbe Rubn, Die kannt vor Lieb sich nimmer aus, Vor Sehnsucht wärs bald gsturbn.
Und Tränen wie die Perlen weint Die Arm in ihrem Schmerz, Es liebt ja alles auf der Welt, A Rubn hat a a Herz.
Und ′s Herzerl von der Rubn is In an Radi ganz verbrennt. Noch werdn die beidn Liebesleut Von an kloan Bacherl trennt.
Dös schmerzt dann halt die gelbe Rubn, Fallt a dem Radi schwer, Sie sehn sich zwar den ganzen Tag, Doch Verliebte wollen mehr.
Sie tauschen die Gedanken ans Und sagn: bonsoir bonjour! Dös is für Leut, die ländli lebn, Grad schon Französisch gnua.
Doch eines Tags in d′ Garten kommt Der Großknecht - recht a Fresser - In oaner Hand an Ranken Brot, In der andern a blanks Messer.
Der schaut si wild und grimmi um Hinter d′ Stauden, unter d′ Hecken, Die Rubn ruft dem Radi zua, Er soll si fein verstecken.
Der Radi stolz, er ist a Man, Was kann ihm denn a gschehn, Er folgt der treuen Warnung net Und wird vom Großknecht gsehn.
Der stürzt in wilder Hast auf ihn Und reißt ihn aus der Erd Und trennt ihn von der gelbn Rubn, Die ihm so lieb und wert.
Er zieht ihm′s Gwand aus, salzt ihn ein Und weidt sich an seim Schmerz Und stoßt ihm ′s Messer tief hinein Ins arme, treue Herz.
Der Radi woant - sein letzter Blick, Der gilt der gelbn Rubn, Sein letztes Wort is: Bleib mir trei; Und nachher is er gsturbn.
Die Rubn, sie kann jetzt nimmer lebn, Was solls denn jetzt a no, Sie wankt vor Schmerzen hin und her, Auf einmal bricht sie a.
Da liegt sie nun in treuer Lieb, Ihr Lebn hats verloren, Drum hats von Gott zwei Flügerln kriegt Und is an Engerl wor′n.
Der Radi, den der Großknecht hat Mit frecher Hand gebrochen, Er ward in einer Vierteistund Schon fürchterlich gerochen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Radi und die gelbe Rubn" von Franz Carl Spitzweg erzählt die tragische Liebesgeschichte zwischen einem Radi (Rettich) und einer gelben Rubn (Rübe) in einem Garten. Die beiden Gemüsewesen sind tief ineinander verliebt, doch ihre Liebe wird durch einen grausamen Großknecht auf grausame Weise zerrissen. Die Geschichte beginnt idyllisch mit der Beschreibung der Natur, in der alles zu lieben scheint, außer der gelben Rubn, die vor Sehnsucht nach ihrem Radi dahinsiecht. Die beiden Liebenden können sich zwar den ganzen Tag sehen, doch das reicht ihnen nicht, da sie sich nach mehr sehnen. Sie tauschen Gedanken aus und verwenden sogar französische Begrüßungen, was ihre Bildung und Zivilisiertheit unterstreicht. Doch eines Tages kommt der Großknecht, ein gieriger und brutaler Mann, in den Garten. Er entdeckt den Radi und reißt ihn aus der Erde, trennt ihn gewaltsam von seiner geliebten Rubn. Der Radi wird geschält, gesalzen und letztendlich mit einem Messer getötet, während die gelbe Rubn hilflos zusehen muss. Nach dem Tod des Radis kann auch die gelbe Rubn nicht mehr leben und stirbt vor Schmerz. Als Belohnung für ihre treue Liebe verwandelt Gott sie in einen Engel mit Flügeln. Der Radi hingegen wird vom Großknecht in einer Viertelstunde furchtbar verzehrt, was die Grausamkeit und den Verrat des Menschen gegenüber der unschuldigen Liebe der beiden Gemüsewesen verdeutlicht. Das Gedicht ist eine tragische und zugleich humorvolle Parodie auf die menschliche Liebe und deren oft unglückliches Ende.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Schon fürchterlich gerochen
- Hyperbel
- A Rubn hat a a Herz
- Metapher
- Sie is an Engerl wor′n
- Personifikation
- Der Radi woant - sein letzter Blick, Der gilt der gelbn Rubn