Der Prophet
1891In einer Halle hat er mich empfangen Die rätselhaft mich ängstet mit Gewalt Von süssen Düften widerlich durchwallt, Da hängen fremde Vögel, bunte Schlangen,
Das Tor fällt zu, des Lebens Laut verhallt Der Seele Athmen hemmt ein dumpfes Bangen Ein Zaubertrunk hält jeden Sinn befangen Und alles flüchtet, hilflos, ohne Halt. Er aber ist nicht wie er immer war.
Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar. Von seinen Worten, den unscheinbar leisen Geht eine Herrschaft aus und ein Verführen Er macht die leere Luft beengend kreisen Und er kann töten, ohne zu berühren.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Prophet" von Hugo von Hofmannsthal handelt von einer mysteriösen und beunruhigenden Begegnung mit einem Propheten. Die Szenerie wird als eine seltsame und beängstigende Halle beschrieben, die von süßen Düften erfüllt ist und exotische Tiere wie bunte Schlangen und fremde Vögel beherbergt. Der Dichter fühlt sich in dieser Umgebung gefangen und hilflos, da das Tor hinter ihm schließt und das Geräusch des Lebens verhallt. Die Atmosphäre ist von einem dumpfen Bangen erfüllt, das den Atem der Seele hemmt. Der Prophet selbst wird als eine veränderte und fremde Gestalt dargestellt. Sein Blick scheint den Dichter zu fesseln, und sein Aussehen, einschließlich Stirn und Haar, wirkt ungewöhnlich. Obwohl seine Worte leise und unscheinbar sind, gehen von ihnen eine beherrschende und verführerische Kraft aus. Die leere Luft scheint sich um ihn zu drehen, was auf eine übernatürliche Präsenz hindeutet. Der Prophet besitzt die Fähigkeit zu töten, ohne physischen Kontakt herstellen zu müssen, was seine immense Macht und Gefährlichkeit unterstreicht. Insgesamt vermittelt das Gedicht ein Gefühl von Unbehagen und Ehrfurcht vor dem Propheten. Die Verwendung von bildhafter Sprache und Symbolik schafft eine Atmosphäre des Unheimlichen und Mysteriösen. Der Dichter scheint von der Anwesenheit des Propheten fasziniert und gleichzeitig verängstigt zu sein, was die Ambivalenz der Begegnung verdeutlicht. Das Gedicht lässt den Leser mit einem Gefühl der Ungewissheit und der Frage zurück, welche Rolle der Prophet in der Welt des Dichters spielt und welche Konsequenzen seine Anwesenheit haben könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Seines Worten, den unscheinbar leisen
- Bildsprache
- Bunte Schlangen
- Hyperbel
- Er macht die leere Luft beengend kreisen
- Kontrast
- Er aber ist nicht wie er immer war
- Metapher
- Von süssen Düften widerlich durchwallt
- Personifikation
- Das Tor fällt zu, des Lebens Laut verhallt
- Synästhesie
- Sein Auge bannt und fremd ist Stirn und Haar