Der philosophische Egoist

Friedrich von Schiller

1805

Hast du den Säugling gesehn, der, unbewusst noch der Liebe, Die ihn wärmet und wiegt, schlafend von Arme zu Arm Wandert, bis bei der Leidenschaft Ruf der Jüngling erwachet, Und des Bewussteins Blitz dämmernd die Welt ihm erhellt? Hast du die Mutter gesehn, wenn die süßen Schlummer dem Liebling Kauft mit dem eigenen Schlaf und für das Träumende sorgt, Mit dem eigenen Leben ernährt die zitternde Flamme, Und mit der Sorge selbst sich für die Sorge belohnt? Und du lästerst die große Natur, die, bald Kind und bald Mutter, Jetzt empfänget, jetzt gibt, nur durch Bedürfnis besteht? Selbst genügsam willst du dem schönen Ring dich entziehen, Der Geschöpf an Geschöpf reiht in vertraulichem Bund? Willst du Armer stehen allein und allein durch dich selber, Wenn durch der Kräfte Tausch selbst das Unendliche steht?

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Illustration zu Der philosophische Egoist

Interpretation

Das Gedicht "Der philosophische Egoist" von Friedrich von Schiller thematisiert die Kritik am Egoismus und die Verbundenheit aller Lebewesen in der Natur. Schiller nutzt das Bild eines Säuglings, der unbewusst von Liebe umgeben ist und von einer Person zur anderen weitergegeben wird, um die natürliche Abhängigkeit und Verbundenheit zu verdeutlichen. Mit dem Erwachen des Bewusstseins und der Leidenschaft beginnt der Mensch, die Welt bewusst wahrzunehmen und zu erleben. Die Mutter, die für ihr Kind opfert und sich um es sorgt, wird als Beispiel für selbstlose Liebe und Hingabe dargestellt. Schiller betont, dass die Natur in einem ständigen Kreislauf von Geben und Nehmen existiert, der durch Bedürfnisse angetrieben wird. Der Egoist, der sich von diesem "schönen Ring" der Verbundenheit lösen möchte, wird als jemand dargestellt, der die grundlegende Natur des Lebens und der Beziehungen missversteht. Schiller argumentiert, dass der Mensch nicht allein und unabhängig existieren kann, da selbst das Unendliche durch den Austausch von Kräften existiert. Das Gedicht fordert den Leser auf, die Bedeutung von Verbundenheit und gegenseitiger Abhängigkeit zu erkennen und den Egoismus zu überwinden, um ein erfülltes Leben zu führen.

Schlüsselwörter

selbst hast gesehn mutter eigenen sorge bald willst

Wortwolke

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Stilmittel

Hyperbel
Mit dem eigenen Leben ernährt die zitternde Flamme
Kontrast
Jetzt empfänget, jetzt gibt, nur durch Bedürfnis besteht
Metapher
Und des Bewussteins Blitz dämmernd die Welt ihm erhellt
Parallelismus
Willst du Armer stehen allein und allein durch dich selber
Personifikation
der Jüngling erwachet
Rhetorische Frage
Und du lästerst die große Natur, die, bald Kind und bald Mutter
Symbolik
der schönen Ring