Der Patient
1876Ich lag gefährlich krank; Gequält von Pillen und von Trank, War, ach! mein Wunsch, mein Trost in dieser Noth Herr Doktor Markus und der Tod. Die Beiden zankten sich Wie unversöhnliche, geschworne Feind’ um mich.
»Ach!« seufzt’ ich, »eh’ ich lang’ auf diesem Lager liege, So gib, o Gott, daß Einer bald nur siege!« Kaum war der Seufzer fort, Da schallet in mein Ohr das Wort: »Trink’!« – Und es stand vor meinem Bett ein Freund, (Mehr Freund, als Doktor Tod und Doktor Markus meint) Der reichte mir ein Glas Burgunder, Und sprach: »Trink’ das!« – Ich trank, und o welch Wunder, Der Magen, welcher Trank und Pillen Nicht annahm, nahm den Wein Gehorsam ein! Ich bat, Ein Glas nur noch zu füllen: Die Lebensgeister kommen wieder In die schon halb erstorb’nen Glieder, Frisch war mein Herz und roth der Mund, Mein Weinglas leer, und ich – gesund! Herr Markus und der Tod sahn sich einander an, Und fragten: »Du, wer ist der Mann?«
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Interpretation
Das Gedicht "Der Patient" von Johann Wilhelm Ludwig Gleim beschreibt die Geschichte eines schwer kranken Menschen, der von Pillen und Medikamenten geplagt wird. Sein einziger Trost sind Herr Doktor Markus und der Tod, die sich wie unversöhnliche Feinde um ihn streiten. Der Patient sehnt sich danach, dass einer von ihnen bald siegt, um seine Qualen zu beenden. In einer Wendung des Schicksals erscheint ein Freund des Patienten mit einem Glas Burgunder und ermutigt ihn zu trinken. Der Patient, der zuvor weder Medikamente noch Trank zu sich nehmen konnte, nimmt den Wein gehorsam ein. Zu seiner Überraschung beginnt er sich zu erholen, seine Lebensgeister kehren zurück und er fühlt sich wieder gesund. Sein Weinglas ist leer, und er selbst ist geheilt. Die abschließende Szene zeigt, wie Herr Markus und der Tod sich ansehen und sich fragen, wer dieser Mann sei, der den Patienten geheilt hat. Es wird deutlich, dass der Wein, symbolisch für Freundschaft und Genuss, eine stärkere heilende Wirkung hatte als die medizinischen Bemühungen von Herr Markus und der drohende Tod. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft über die Kraft der Freundschaft und des Genusses im Vergleich zur konventionellen Medizin und dem nahenden Tod.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Pillen und von Trank
- Anapher
- Ich trank, und o welch Wunder
- Bildsprache
- Frisch war mein Herz und roth der Mund
- Hyperbel
- gequält von Pillen und von Trank
- Ironie
- Herr Markus und der Tod sahn sich einander an
- Kontrast
- Mehr Freund, als Doktor Tod und Doktor Markus meint
- Metapher
- Lebensgeister
- Personifikation
- Herr Doktor Markus und der Tod
- Symbolik
- Burgunder