Der Ölbaumgarten

Rainer Maria Rilke

1906

Er ging hinauf unter dem grauen Laub ganz grau und aufgelöst im Ölgelände und legte seine Stirne voller Staub tief in das Staubigsein der heißen Hände.

Nach allem dies. Und dieses war der Schluß. Jetzt soll ich gehen, während ich erblinde, und warum willst Du, daß ich sagen muß, Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde.

Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. Ich finde Dich nicht mehr. Ich bin allein.

Ich bin allein mit aller Menschen Gram, den ich durch Dich zu lindern unternahm, der Du nicht bist. O namenlose Scham…

Später erzählte man, ein Engel kam-.

Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht und blätterte gleichgültig in den Bäumen. Die Jünger rührten sich in ihren Träumen. Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht.

Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; so gehen hunderte vorbei. Da schlafen Hunde, und da liegen Steine. Ach eine traurige, ach irgendeine, die wartet, bis es wieder Morgen sei.

Denn Engel kommen nicht zu solchen Betern, und Nächte werden nicht um solche groß. Die Sich-Verlierenden läßt alles los, und die sind preisgegeben von den Vätern und ausgeschlossen aus der Mütter Schoß.

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Illustration zu Der Ölbaumgarten

Interpretation

Das Gedicht "Der Ölbaumgarten" von Rainer Maria Rilke erzählt von einer tiefen spirituellen Krise und dem Verlust des Glaubens. Der Protagonist begibt sich in einen Olivenhain, einen Ort der Meditation und des Gebets, findet aber keine göttliche Präsenz mehr. Er fühlt sich verlassen und allein mit dem Leid der Menschheit, das er einst durch seinen Glauben zu lindern versuchte. Die Erwartung eines Engels, der ihn trösten oder ihm eine Botschaft bringen könnte, bleibt unerfüllt. Stattdessen kommt nur die Nacht, eine gleichgültige und alltägliche Nacht, die die Bäume durchfegt und die Jünger in ihren Träumen unberührt lässt. Die Nacht symbolisiert die Abwesenheit Gottes und die Leere, die der Protagonist empfindet. Es ist keine außergewöhnliche, erleuchtende Nacht, sondern eine von vielen, die vergehen, ohne etwas zu bewirken. Die Hunde schlafen, die Steine liegen da, und die Nacht wartet nur darauf, dass der Morgen kommt. Engel kommen nicht zu denen, die sich im Gebet verlieren, und Nächte werden nicht um derer willen groß, die verzweifelt nach Erlösung suchen. Die "Sich-Verlierenden" werden von allem losgelassen, von den Vätern preisgegeben und aus dem Schoß der Mütter ausgeschlossen. Sie sind verlassen und allein in ihrer Trauer und ihrem Zweifel. Das Gedicht endet mit einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit und der Erkenntnis, dass der Glaube verloren ist. Der Protagonist ist allein mit dem Schmerz der Welt, den er nicht mehr lindern kann, da er selbst den Halt verloren hat. Die Abwesenheit des Engels und die Gleichgültigkeit der Nacht symbolisieren die Leere und die Sinnlosigkeit, die der Protagonist empfindet. Es ist ein Gedicht über die Krise des Glaubens und die Suche nach Sinn in einer Welt, in der Gott nicht mehr präsent zu sein scheint.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
grauen Laub, grau und aufgelöst, Staubigsein der heißen Hände
Anapher
Ich finde Dich nicht mehr. Nicht in mir, nein. Nicht in den andern. Nicht in diesem Stein. Ich finde Dich nicht mehr.
Enjambement
Er ging hinauf unter dem grauen Laub ganz grau und aufgelöst im Ölgelände und legte seine Stirne voller Staub tief in das Staubigsein der heißen Hände.
Metapher
Staubigsein der heißen Hände
Paradox
Du seist, wenn ich Dich selber nicht mehr finde
Personifikation
Die Nacht, die kam, war keine ungemeine; so gehen hunderte vorbei. Da schlafen Hunde, und da liegen Steine.
Rhetorische Frage
Warum ein Engel? Ach es kam die Nacht
Tautologie
eine traurige, ach irgendeine