Der Ödip des Sophokles

Heinrich von Kleist

1821

Greuel, vor dem die Sonne sich birgt! Demselbigen Weibe Sohn zugleich und Gemahl, Bruder den Kindern zu sein!

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Interpretation

Das Gedicht "Der Ödip des Sophokles" von Heinrich von Kleist ist eine kurze, aber intensive Auseinandersetzung mit dem Mythos von Ödipus. Es fasst die zentralen Elemente der Tragödie in nur zwei Zeilen zusammen und verdeutlicht die grausame Ironie des Schicksals, das Ödipus ereilt hat. Die erste Zeile, "Greuel, vor dem die Sonne sich birgt!", verdeutlicht die ungeheure Tragik und das Unaussprechliche des Geschehens. Der "Greuel", also das Entsetzliche, was Ödipus widerfahren ist, ist so schrecklich, dass selbst die Sonne, das Symbol für Licht und Wahrheit, sich davor verbergen möchte. Dies unterstreicht die tiefe Verwerflichkeit und die moralische Abscheulichkeit der Situation. Die zweite Zeile beschreibt die konkreten Umstände von Ödipus' Schicksal: "Demselbigen Weibe Sohn zugleich und Gemahl, Bruder den Kindern zu sein!" Hier wird die schockierende Tatsache zusammengefasst, dass Ödipus unwissentlich seine eigene Mutter geheiratet und mit ihr Kinder gezeugt hat, die somit zugleich seine Kinder und seine Geschwister sind. Die Wiederholung des Wortes "zugleich" betont die Doppeldeutigkeit und die unauflösliche Verstrickung der Beziehungen. Das Gedicht vermittelt somit die ganze Tragik und den Schrecken der Ödipus-Sage in einer kompakten und eindringlichen Form.

Schlüsselwörter

greuel sonne birgt demselbigen weibe sohn zugleich gemahl

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sohn zugleich und Gemahl
Anapher
Greuel, vor dem die Sonne sich birgt! Demselbigen Weibe
Paradox
Sohn zugleich und Gemahl, Bruder den Kindern zu sein