Der Neuner
1856Wohlan, wohlauf du Schütze, Komm mit uns auf den Wall, Laß leuchten deine Blitze, Laß klingen Büchsenknall! Verschmähe nicht die Stütze, Denn sichrer trifft der Ball.
Neun Jahre nun gesessen, Bist du im Thorthurm hier; Wie du dich hast vermessen, Erschieße Freiheit dir! Die Frevelthat vergessen, Verzeihen wollen wir.
Wir wollen dich erproben, Verwegner, blick empor! Die Wetterfahne droben Auf deinem finstern Thor, Sie sei zum Ziel erhoben Für dein geprüftes Rohr!
Verewigen sollst du drinnen Die Jahrzahl deiner Haft; Doch magst du dich besinnen, Versaget dir die Kraft, Wird dieses dein Beginnen Mit Handabhaun bestraft!
Zehn Schüsse hast du, Einer Nur darf ins Blaue gehn, Wir wollen einen Neuner Und auch neun Löcher sehn. Nimm dich in Acht, Zigeuner, Leicht kann der Wind sich drehn!
Lang konnt er nicht erblicken Der Büchse trauten Glanz, Drum ist er von Entzücken Und Freud durchdrungen ganz. »Ihr Herrn, soll es mißglücken, Mein Leben in die Schanz!«
Mit unbeholfnem Knixe Verhehlt er seine Wuth, Dann murmelt er: die Füchse Sind stets auf ihrer Hut. Nimmt seine Doppelbüchse, Und zielet fest und gut.
Wie jauchzt der Menge Schreien! Wer hätte das gedacht! Der neunte Schuß des treuen Gewehres hats vollbracht. Man drückt die Hand dem Freien, Der steigt herab und lacht.
»Ihr Herrn, Hochehrenwerthe, Was kam euch in den Sinn? Wie wußtet Ihr, Verehrte, Daß ich so ehrlich bin? Daß sich mein Glück bewährte, Fürwahr, ist euch Gewinn!
Seht, noch ein Schuß ist drinnen! Nein, werdet mir nicht blaß! Wie sollt ich mich besinnen? - Ich rede jetzt im Spaß - Seht, dort auch, zum Entrinnen, Die Klepper auf der Gaß!
Auf Euern Schinderrossen - Was meint Ihr zu dem Spaß - War ich bereits entschlossen, - Ich rede jetzt im Spaß, Sobald ich fehlgeschossen, Ihr rathet schon zu was!«
Zu Frankfurt auf dem Thore Noch heut das Blech sich steift, Neunfach im schrillen Chore Der Wind ein Liedchen pfeift, Das manchem zarten Ohre Das Trommelfell angreift.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Neuner" von Ludwig Eichrodt handelt von einem Mann, der neun Jahre im Thorthurm eingesperrt war und nun die Chance erhält, seine Freiheit zu erlangen. Die Personen, die ihm diese Chance geben, wollen ihn testen, indem sie ihm zehn Schüsse mit einer Doppelbüchse geben, von denen einer ins Blaue gehen darf. Der Mann soll neun Löcher treffen und die Wetterfahne auf dem Thorturm als Zielpunkt verwenden. Der Mann ist zunächst überwältigt von der Situation und verspricht, sein Leben in die Schanze zu werfen, sollte es misslingen. Er nimmt die Doppelbüchse und zielt fest und gut. Die Menge jubelt, als er mit dem neunten Schuss erfolgreich ist und die Wetterfahne trifft. Die Personen, die ihm die Chance gegeben haben, drücken ihm die Hand und er steigt herab und lacht. Der Mann ist erstaunt über das Vertrauen, das ihm entgegengebracht wurde, und fragt sich, wie die Personen wussten, dass er so ehrlich ist. Er bemerkt, dass noch ein Schuss in der Büchse ist und scherzt, dass er sich nicht besinnen wird, falls er daneben schießt. Er deutet an, dass er bereits entschlossen war, die Personen zu bestrafen, falls er fehlgeschossen hätte. Das Gedicht endet mit der Bemerkung, dass auf dem Thorturm in Frankfurt noch heute das Blech sich steift und der Wind neunfach im schrillen Chor ein Liedchen pfeift, das manchem zarten Ohre das Trommelfell angreift.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Neun Jahre nun gesessen
- Anapher
- Wohlan, wohlauf du Schütze
- Bildlichkeit
- Daß sich mein Glück bewährte
- Metapher
- Das Trommelfell angreift
- Personifikation
- Der Wind ein Liedchen pfeift
- Symbolik
- Die Jahrzahl deiner Haft