Der neue Amadis
1789Als ich noch ein Knabe war, Sperrte man mich ein; Und so saß ich manches Jahr Über mir allein, Wie im Mutterleib.
Doch du warst mein Zeitvertreib, Goldne Phantasie, Und ich ward ein warmer Held, Wie der Prinz Pipi, Und durchzog die Welt.
Baute manch kristallen Schloß Und zerstört es auch, Warf mein blinkendes Geschoß Drachen durch den Bauch, Ja, ich war ein Mann!
Ritterlich befreit ich dann Die Prinzessin Fisch; Sie war gar zu obligeant, Führte mich zu Tisch, Und ich war galant.
Und ihr Kuß war Götterbrot, Glühend wie der Wein. Ach! ich liebte fast mich tot! Rings mit Sonnenschein War sie emailliert.
Ach! wer hat sie mir entführt? Hielt kein Zauberband Sie zurück vom schnellen Fliehn? Sagt, wo ist ihr Land? Wo der Weg dahin?
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Interpretation
Das Gedicht "Der neue Amadis" von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt die Kindheit des lyrischen Ichs, die von Einsamkeit und Phantasie geprägt war. Der Titel bezieht sich auf den Ritterromanhelden Amadis, der für romantische Liebe und Abenteuer steht. Das Gedicht ist in fünf Strophen mit jeweils sechs Versen gegliedert und reimt sich im Kreuzreim. Das lyrische Ich war als Kind eingesperrt und saß "Über mir allein, / Wie im Mutterleib". Es erfand sich eine goldene Phantasie als Zeitvertreib, mit der es zum "warmen Held" wurde und die Welt durchzog. Es baute Kristallschlösser, die es auch wieder zerstörte, und warf mit einem "blinkenden Geschoß" Drachen durch den Bauch. Es befreite eine Prinzessin namens Fisch und war galant zu ihr. Sie küsste es "Götterbrot" und war von Sonnenschein umgeben. Doch dann wurde sie ihm entrissen, und er fragt sich, wo sie hingegangen ist und wie er sie zurückbekommen kann. Das Gedicht thematisiert die kindliche Phantasie als Flucht aus der Realität und als Quelle von Heldentum und Liebe. Das lyrische Ich lebt in einer Scheinwelt, in der es sich als Ritter und Liebhaber verwirklichen kann. Die Phantasie gibt ihm Halt und Sinn, aber auch Schmerz, wenn sie ihm genommen wird. Das Gedicht zeigt die Ambivalenz der Phantasie als kreativer und destruktiver Kraft. Es deutet auch auf die spätere Entwicklung des lyrischen Ichs hin, das als Erwachsener mit der Realität konfrontiert wird und seine kindlichen Träume hinter sich lassen muss.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Frage
- Wo der Weg dahin?
- Hyperbel
- Ich liebte fast mich tot
- Metapher
- Mit Sonnenschein war sie emailliert
- Personifikation
- Goldne Phantasie
- Vergleich
- Wieviel der Prinz Pipi