Der Nervenschwache

Ernst Blass

1912

Mit einer Stirn, die Traum und Angst zerfraßen, Mit einem Körper, der verzweifelt hängt An einem Seile, das ein Teufel schwenkt, - So läuft er durch die langen Großstadtstraßen.

Verschweinte Kerle, die die Straße kehren, Verkohlen ihn; schon gröhlt er arienhaft: “Ja, ja - ja, ja! Die Leute haben Kraft! Mir wird ja nie, ja nie ein Weib gebären

Mir je ein Kind!” Der Mond liegt wie ein Schleim Auf ungeheuer nachtendem Velours. Die Sterne zucken zart wie Embryos An einer unsichtbaren Nabelschnur.

Die Dirnen züngeln im geschlossnen Munde, Die Dirnen, die ihn welkend weich umwerben. Ihn ängsten Darmverschlingung, Schmerzen, Sterben, Zuhältermesser und die großen Hunde.

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Illustration zu Der Nervenschwache

Interpretation

Das Gedicht "Der Nervenschwache" von Ernst Blass schildert das Bild eines psychisch labilen Menschen, der durch die Großstadtstraßen irrt. Die "Stirn, die Traum und Angst zerfraßen" und der "Körper, der verzweifelt hängt" lassen auf eine starke innere Zerrissenheit und Hoffnungslosigkeit schließen. Der "Nervenschwache" wird von äußeren Reizen und inneren Ängsten überwältigt und wirkt wie ein Getriebener. In der zweiten Strophe wird die Verzweiflung des Protagonisten deutlich, der sich selbst als unfähig zur Zeugung eines Kindes wahrnimmt. Die groteske Selbstgesprächsführung und der Vergleich der Sterne mit "Embryos an einer unsichtbaren Nabelschnur" unterstreichen die geistige Verwirrung und den Kontrollverlust. Die Metapher vom Mond, der "wie ein Schleim auf ungeheuer nachtendem Velours liegt", erzeugt eine düstere, beklemmende Atmosphäre. Die letzte Strophe zeigt die Verletzlichkeit des "Nervenschwachen" gegenüber der Welt. Die "Dirnen", die ihn "welkend weich umwerben", und die bedrohlichen "Zuhältermesser und die großen Hunde" symbolisieren die Gefahren und Ängste, denen er ausgesetzt ist. Das Gedicht vermittelt ein eindringliches Bild von Isolation, Verzweiflung und der Unfähigkeit, mit den Herausforderungen des Lebens fertigzuwerden.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
An einer unsichtbaren Nabelschnur
Personifikation
Die Dirnen züngeln im geschlossnen Munde
Vergleich
Die Sterne zucken zart wie Embryos