Der Narr des Grafen von Zimmern

Gottfried Keller

1878

Was rollt so zierlich, klingt so lieb Treppauf und -ab im Schloss? Das ist des Grafen Zeitvertrieb Und stündlicher Genoss: Sein Narr, annoch ein halbes Kind Und rosiges Gesellchen, So leicht und luftig wie der Wind, Und trägt den Kopf voll Schellchen.

Noch ohne Arg, wie ohne Bart, An Possen reich genug, Ist doch der Fant von guter Art Und in der Torheit klug; Und was vergecken und verdrehn Die zappeligen Hände, Gerät ihm oft wie aus Versehn Zuletzt zum guten Ende.

Der Graf mit seinem Hofgesind Weilt in der Burgkapell, Da ist, wie schon das Amt beginnt, Kein Ministrant zur Stell; Rasch nimmt der Pfaff den Narrn beim Ohr Und zieht ihn zum Altare; Der Knabe sieht sich fleißig vor, Dass er nach Bräuchen fahre.

Und gut, als wär er′s längst gewohnt, Bedient er den Kaplan; Doch wenn′s die Müh am besten lohnt, Bricht oft der Unstern an: Denn als die heilge Hostia Vom Priester wird erhoben, O Schreck! so ist kein Glöcklein da, Den süßen Gott zu loben!

Ein Weilchen bleibt es totenstill; Erbleichend lauscht der Graf, Der gleich ein Unheil ahnen will, Das ihn vom Himmel traf. Doch schon hat sich der Narr bedacht, Den Handel zu versöhnen: Die Kappe schüttelt er mit Macht, Dass alle Glöcklein tönen!

Da strahlt von dem Ciborium Ein goldnes Leuchten aus; Es glänzt und duftet um und um Im kleinen Gotteshaus, Wie wenn des Himmels Majestät In frischen Veilchen läge: Der Herr, der durch die Wandlung geht - Er lächelt auf dem Wege!

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Illustration zu Der Narr des Grafen von Zimmern

Interpretation

Das Gedicht "Der Narr des Grafen von Zimmern" von Gottfried Keller erzählt von einem jungen, unschuldigen Hofnarren, der durch seine unbedachte, aber letztlich glückliche Handlung eine heilige Situation rettet. Der Narr wird als leichtsinnig und kindlich beschrieben, trägt Schellen auf dem Kopf und bringt den Grafen mit seinen Possen zum Lachen. Trotz seiner Torheit besitzt er einen guten Kern und eine unerwartete Klugheit in seiner Dummheit. Seine ungeschickten Handlungen führen oft zu einem guten Ende, was seine unkonventionelle Weisheit unterstreicht. In der Kirche, wo der Graf und sein Gefolge anwesend sind, fällt der Ministrant aus, und der Priester holt den Narren als Ersatz. Der Narr versucht, gewissenhaft seinen Dienst zu tun, doch als die Hostie erhoben wird und kein Glockenzeichen zu hören ist, gerät er in Panik. Anstatt zu versagen, nutzt er seine Schellen, um den heiligen Moment zu ehren. Diese spontane und unkonventionelle Handlung wird als göttliche Antwort interpretiert, da das Licht und der Duft im Gotteshaus sich verstärken, als würde der Herr selbst über die Tat lächeln. Keller nutzt die Figur des Narren, um die Grenzen zwischen Weisheit und Torheit, Ernst und Leichtigkeit zu verwischen. Der Narr, der in der Gesellschaft als einfältig gilt, wird zum unerwarteten Retter in einer heiligen Situation. Seine Handlung zeigt, dass wahre Weisheit oft in der Einfachheit und Unschuld liegt und dass göttliche Gnade auch durch unkonventionelle Wege wirken kann. Das Gedicht feiert die unerwartete Schönheit und den Wert des Narren, der durch seine Torheit das Heilige berührt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Wie rollt so zierlich, klingt so lieb
Bildsprache
Da strahlt von dem Ciborium Ein goldnes Leuchten aus; Es glänzt und duftet um und um Im kleinen Gotteshaus, Wie wenn des Himmels Majestät In frischen Veilchen läge
Hyperbel
Die Kappe schüttelt er mit Macht, Dass alle Glöcklein tönen!
Ironie
Und gut, als wär er's längst gewohnt, Bedient er den Kaplan; Doch wenn's die Müh am besten lohnt, Bricht oft der Unstern an
Kontrast
Noch ohne Arg, wie ohne Bart, An Possen reich genug, Ist doch der Fant von guter Art Und in der Torheit klug
Metapher
Das ist des Grafen Zeitvertrieb Und stündlicher Genoss: Sein Narr, annoch ein halbes Kind Und rosiges Gesellchen
Personifikation
Was rollt so zierlich, klingt so lieb Treppauf und -ab im Schloss?