Der Morgenstern

Johann Peter Hebel

1803

Woher so früeih, wo ane scho, Heer Morgestern, enandernoo in dyner glitzrige Himmelstracht, in dyner guldige Locke Pracht, mit dynen Auge, chloor un blau un suufer gwäschen im Morgetau? Hesch gmaint, de seigsch ellainig do? Nai, weger nai, mer mäihe scho! Mer mäihe scho ne halbi Stund; früeih ufstoh isch de Glidere gsund, es macht e frische, frohe Muet, un d’Suppe schmeckt aim no so guet. `s gitt Lüt, si dose friili no, si chönne schier nit uuse choo. Der Mähder un der Morgestern stöhn zytli uf un wache gern; un was rne früeih um vieri tuet, das chunnt aim z’Nacht um nüüni guet. Un d’Vögeli sinn au scho do, si stimmen ihri Pfiifli scho, un uf ein Baum un hinterm Hag sait ais im andere guete Tag! Un ’s Turteltüübli ruukt un lacht, un’s Bettzytglöckli isch au verwacht. “Se helf is Gott, un geb is Gott e guete Tag, un bhüet is Gott! Mer betten um e christli Herz, es chunat aim wohl in Freud un Schmerz; wer christli lebt, het frohe Muet: der lieb Gott stoht für alles guet.” Waisch, Jobbeli, was der Morgestern am Himmel suecht? Me sait’s nit gern! Er wandtet ime Sternli noo, er cha schier gar nit von ein loo; doch rnaint sy Muetter,’s müeß nit sii, un tuet en wie ne Hüehnli ii. Drum stoht er uf vor Tag un goht syrn Sternli noo im Morgerot; er suecht, un’s wird ein windeweh, er möcht ein gern e Schmützli gee; er möcht ein sagen: “I bi der hold!” Es wär em über Geld un Gold. Doch wenn er schier gar by n ein wär, verwacht sy Muetter handumchehr; un wenn si rüeft enandernoo, sen isch rny Bürstli niene do. Druf flicht sie ihre Chranz ins Hoor un lueget hinter de Berge vor.

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Illustration zu Der Morgenstern

Interpretation

Das Gedicht "Der Morgenstern" von Johann Peter Hebel beschreibt den Morgenstern, der früh am Himmel erscheint und von vielen für seine Schönheit bewundert wird. Der Stern wird als glitzernd und golden beschrieben, mit blauen Augen, die im Morgentau gewaschen sind. Der Sprecher fragt sich, ob der Stern allein ist und ob er den Tag begrüßen möchte. Der Morgenstern wird als Symbol für einen frischen und frohen Start in den Tag dargestellt. Der Sprecher erwähnt, dass es Menschen gibt, die den Morgen lieben und früh aufstehen, um den Tag zu beginnen. Der Morgenstern und der Mäher stehen auf und wachen gerne, denn was man früh am Morgen tut, kommt einem am Abend zugute. Die Vögel sind ebenfalls schon da und stimmen ihre Pfeifchen an, während sie sich auf den Bäumen und hinter den Hecken gegenseitig einen guten Tag wünschen. Der Morgenstern wird als jemand dargestellt, der nach seiner Liebsten sucht und ihr gerne ein Schmützchen geben würde. Er möchte ihr sagen: "Ich bin der Holde!" Es wäre ihm mehr wert als Gold und Silber. Doch wenn er ihr zu nahe kommt, wird seine Liebste unruhig und ruft nach ihm. Der Morgenstern ist dann nicht mehr da, und sie flechtet ihre Kranz in die Haare und schaut hinter die Berge. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass der Morgenstern seine Liebste sucht und dabei eine weite Reise unternimmt.

Schlüsselwörter

scho nit gott früeih morgestern mer isch aim

Wortwolke

Wortwolke zu Der Morgenstern

Stilmittel

Alliteration
Waisch, Jobbeli, was der Morgestern
Anapher
Se helf is Gott, un geb is Gott e guete Tag, un bhüet is Gott
Hyperbel
Es wär em über Gold un Gold
Metapher
Druf flicht sie ihre Chranz ins Hoor un lueget hinter de Berge vor
Personifikation
verwacht sy Muetter handumchehr
Reimschema
Stund/Muet/guet