Der Morgen
1914Dein morgentiefes Auge ist in mir, Marie. Ich fühle, wie es durch die Dämmerung mich umfängt Der weiten Kirche. Stille will ich knien und warten, wie Dein Tag aus den erblühten Heiligenfenstern zu mir drängt. –
Wie kommt er sanft und gut und wie mit väterlicher Hand Umschwichtigend. Wann wars, daß er mit grellen Fratzen mich genarrt, Auf Vorstadtgassen, wenn mein Hunger nirgends sich ein Obdach fand – Oder in grauen Stuben mich aus fremden Blicken angestarrt?
Nun strömt er warm wie Sommerregen über mein Gesicht Und wie dein Atem voller Rosenduft, Marie, Und meiner Seele dumpf verwirrt Getön hebt sanft sein Licht In deines Lebens morgenreine Melodie.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Morgen" von Ernst Stadler beschreibt die Transformation des Morgens von einer bedrohlichen zu einer tröstenden Kraft im Leben des lyrischen Ichs. Die Anwesenheit von Marie wird als Quelle des Lichts und der Wärme dargestellt, die den Morgen verändert. Das Ich fühlt sich von Maries morgentiefem Auge umfangen, was eine tiefe emotionale und spirituelle Verbindung andeutet. Im zweiten Teil des Gedichts reflektiert das lyrische Ich über vergangene Erfahrungen, in denen der Morgen als grell und bedrohlich erschien, verbunden mit Hunger und Einsamkeit. Diese Erinnerungen kontrastieren stark mit der gegenwärtigen Erfahrung des Morgens, der nun sanft und tröstlich ist. Die Veränderung wird als Ergebnis von Maries Einfluss interpretiert, der den Morgen in eine Quelle der Hoffnung und des Trostes verwandelt. Der letzte Teil des Gedichts verdeutlicht die vollständige Transformation des Morgens. Er wird als warm und duftend beschrieben, ähnlich wie Maries Atem. Die Melodie des Lebens, die zuvor dumpf und verwirrt war, wird nun durch das Licht des Morgens erhellt. Das Gedicht endet mit der Vorstellung, dass Maries Anwesenheit und Einfluss das Leben des lyrischen Ichs in eine harmonische und erfüllte Melodie verwandelt haben.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- wie dein Tag aus den erblühten Heiligenfenstern zu mir drängt
- Metapher
- deines Lebens morgenreine Melodie
- Personifikation
- sein Licht hebt sanft
- Vergleich
- wie dein Atem voller Rosenduft