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Der Monte Pincio

Von

O hätt′ ich Farben, Aether und Seel′ und Geist,
Du unaussprechlich himmlische Luft, getaucht
In deiner Schönheit süßen Abgrund,
Wär′ ich dein Priester, dein reinster Säugling,

Wär′ ich geboren, wär′ ich erzogen auch
An deinem Lichtquell, könnt′ ich die Reinheit doch,
Könnt′ ich die Milde nicht, die Wärme
Dieser Natur in mein Lied einhauchen.

Wenn du zuerst in schauender Seligkeit
Voll Unschuld in ein glühendes Auge schaust,
Wenn du vergehst in seiner Tiefe,
Wenn du verschmachtest in seiner Seele,

O dann vielleicht verstehest die Wonne du,
Verstehst mein überschwänglich Entzücken du,
Und meine Liebe zu des Südens
Blühendem Grün und krystallnem Himmel.

Drum wählt′ ich dich zum Liebling, mein Pincio,
Wo Roms unübersehbare Herrlichkeit,
Wie ein empörtes Meer, vom sonn′gen
Hügel das Marsfeld hinunter leuchtet.

Denn solch ein Anblick größer erscheint er stets,
So oft er dir in all′ der Gewalt ersteht,
Womit das Schicksal ihn geheiligt,
Könige, Consuln, Cäsare, Päbste.

Doch oft im dünnen Laubwald versteck′ ich mich.
Wenn so unsäglich blendend aus glänzenden
Lichthellen Blüthen und Gebüschen
Ach wie elysisch die Ferne strahlet.

Dann auf Borghese′s üppigem Schattenhain,
Des Pinienwaldes mächtiger Masse ruht
Mein Blick, sich an der Villa wilder
Lockend arkadischer Nacht erquickend.

Blaudämmernd über wallendem Eichengrün,
In seiner Lüfte liebliches Bad getaucht,
Entsteigt mir selbst von fern mein schöner
Einsamer Freund, der Sorakte, mählig.

Kein Tag vergeht, wo, träumender Muse voll,
Ich dieses Paradies nicht durchwandere,
Doch schwach ist nur mein Lied, das bess′re
Fliehet als Seufzer von meiner Lippe.

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Monte Pincio von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Monte Pincio“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine poetische Hommage an die Schönheit und Erhabenheit der römischen Landschaft, insbesondere des Monte Pincio. Es drückt die Sehnsucht des Dichters nach einer vollkommenen Erfassung und Wiedergabe dieser Schönheit aus, ein Thema, das durch eine Vielzahl von Bildern und Emotionen entfaltet wird. Die erste Strophe beginnt mit einem verzweifelten Ruf nach den Mitteln – Farben, Äther, Seele und Geist – um die unbeschreibliche Schönheit der Landschaft adäquat zu erfassen und zu verewigen.

Das Gedicht entwickelt sich zu einer Reflexion über die Unmöglichkeit, die überwältigende Erfahrung der Natur in Worte zu fassen. Der Dichter vergleicht sich mit einem Priester und Säugling, der versucht, die Reinheit, Milde und Wärme der Natur in seinem Gesang auszudrücken. Dies führt zu einer Beschreibung des Empfindens beim Eintauchen in die Schönheit, der Hingabe an die Natur, die durch die Metapher des „Glühenden Auges“ und des „Verschmachtens in seiner Seele“ ausgedrückt wird. Nur durch solches Verschmelzen, so die Implikation, kann die wahre Wonne und das Entzücken des Dichters verstanden werden. Dies mündet in die Wahl des Monte Pincio als „Liebling“, von dem aus der Dichter die „unübersehbare Herrlichkeit“ Roms überblickt.

Der Dichter beschreibt dann die verschiedenen Facetten der römischen Landschaft, die er in seinem Gedicht einfängt: die glänzenden Blühten, die üppigen Schattenhaine, der Pinienwald und die malerische Szene. Die wiederholte Verwendung von Adjektiven wie „süß“, „glühend“, „üppig“ und „lieblich“ verstärkt die Sinnlichkeit und die emotionale Tiefe der Verse. Der Kontrast zwischen dem leuchtenden Grün, dem kristallenen Himmel und dem blaudämmernden Farbton unterstreicht die Vielfalt und den Reichtum der Natur. Die Erwähnung historischer Figuren wie Könige, Consuln, Cäsare und Päbste, die durch das Schicksal geheiligt wurden, deutet auf die historische Bedeutung des Ortes und die Ehrfurcht des Dichters vor der Vergangenheit hin.

In den letzten Strophen drückt der Dichter seine tiefe Verbundenheit mit dem Monte Pincio aus. Er durchwandert dieses „Paradies“ täglich, erfüllt von einer träumenden Muse. Doch er erkennt die Grenzen der Sprache an. Sein Lied scheint schwach zu sein, unfähig, die wahre Schönheit und das Gefühl, das er empfindet, vollkommen widerzuspiegeln. Der „Seufzer“, der von seinen Lippen flieht, deutet auf die Kluft zwischen Erfahrung und sprachlicher Ausdrucksmöglichkeit hin, ein zentrales romantisches Thema. Das Gedicht ist somit eine Huldigung an die Natur und ein resignierendes Eingeständnis der Unzulänglichkeit des menschlichen Ausdrucks gegenüber der überwältigenden Schönheit des Lebens.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.