Der Monte Pincio

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1804

O hätt′ ich Farben, Aether und Seel′ und Geist, Du unaussprechlich himmlische Luft, getaucht In deiner Schönheit süßen Abgrund, Wär′ ich dein Priester, dein reinster Säugling,

Wär′ ich geboren, wär′ ich erzogen auch An deinem Lichtquell, könnt′ ich die Reinheit doch, Könnt′ ich die Milde nicht, die Wärme Dieser Natur in mein Lied einhauchen.

Wenn du zuerst in schauender Seligkeit Voll Unschuld in ein glühendes Auge schaust, Wenn du vergehst in seiner Tiefe, Wenn du verschmachtest in seiner Seele,

O dann vielleicht verstehest die Wonne du, Verstehst mein überschwänglich Entzücken du, Und meine Liebe zu des Südens Blühendem Grün und krystallnem Himmel.

Drum wählt′ ich dich zum Liebling, mein Pincio, Wo Roms unübersehbare Herrlichkeit, Wie ein empörtes Meer, vom sonn′gen Hügel das Marsfeld hinunter leuchtet.

Denn solch ein Anblick größer erscheint er stets, So oft er dir in all′ der Gewalt ersteht, Womit das Schicksal ihn geheiligt, Könige, Consuln, Cäsare, Päbste.

Doch oft im dünnen Laubwald versteck′ ich mich. Wenn so unsäglich blendend aus glänzenden Lichthellen Blüthen und Gebüschen Ach wie elysisch die Ferne strahlet.

Dann auf Borghese′s üppigem Schattenhain, Des Pinienwaldes mächtiger Masse ruht Mein Blick, sich an der Villa wilder Lockend arkadischer Nacht erquickend.

Blaudämmernd über wallendem Eichengrün, In seiner Lüfte liebliches Bad getaucht, Entsteigt mir selbst von fern mein schöner Einsamer Freund, der Sorakte, mählig.

Kein Tag vergeht, wo, träumender Muse voll, Ich dieses Paradies nicht durchwandere, Doch schwach ist nur mein Lied, das bess′re Fliehet als Seufzer von meiner Lippe.

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Illustration zu Der Monte Pincio

Interpretation

Das Gedicht "Der Monte Pincio" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine leidenschaftliche Hommage an die Schönheit und Faszination des Monte Pincio in Rom. Der Sprecher sehnt sich danach, die unbeschreibliche Schönheit der Landschaft in seiner Poesie einfangen zu können, fühlt sich jedoch durch seine eigenen Grenzen eingeschränkt. Er beschreibt den Monte Pincio als einen Ort der Inspiration und der inneren Einkehr, an dem er Trost und Erholung findet. Der Monte Pincio wird als ein Ort der spirituellen und ästhetischen Erhebung dargestellt. Der Sprecher imaginiert sich selbst als Priester oder Säugling, der in der Reinheit und Schönheit der Natur aufgehoben ist. Er beschreibt die Landschaft als einen Ort der Unschuld und der Verzauberung, an dem er sich in der Tiefe der Natur verlieren kann. Der Monte Pincio wird als ein Ort der inneren Einkehr und der spirituellen Erfahrung dargestellt, an dem der Sprecher Trost und Erholung findet. Das Gedicht endet mit einer Anerkennung der Grenzen des poetischen Ausdrucks. Der Sprecher gesteht, dass sein Lied schwach und unvollkommen ist, und dass das wahre Wesen des Monte Pincio als Seufzer von seinen Lippen entflieht. Dies unterstreicht die Idee, dass die Schönheit und Faszination der Natur unbeschreiblich und unergründlich sind, und dass der poetische Ausdruck nur eine unvollkommene Annäherung an die Wirklichkeit darstellen kann.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Der Monte Pincio

Stilmittel

Alliteration
In seiner Lüfte liebliches Bad
Hyperbel
Wo Roms unübersehbare Herrlichkeit
Metapher
Doch schwach ist nur mein Lied, das bess′re Fliehet als Seufzer von meiner Lippe
Personifikation
Wo Roms unübersehbare Herrlichkeit, Wie ein empörtes Meer, vom sonn′gen Hügel das Marsfeld hinunter leuchtet
Vergleich
Wie ein empörtes Meer