Der Mond

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1893

Gestirn der Trauer, liebliche Schutzgottheit Gestürzter Tempel, du der Ruinenwelt Schwermüth′ge Freundin, wie zur Heimath Hast du erkoren die stille Roma!

Du selbst ja gleichst ihr: wie du dein heilig Licht Der Sonne dankst, der untergegangenen, So dankt auch sie die ew′ge Hoheit Ihrer entflohenen Herrschersonne.

Wo auch herab sich senke dein milder Blick, Ob auf die öden Mauern, wo einsam sich Die Straße windet und zuweilen Epheubewachsene Gräber düstern,

Ob auf Kapellen, schweigende Klöster auch, Die halb aus vollen Büschen und Gärten sich Im Schattendach der Pinie heben, Halb sich im üpp′gen Gewächs verbergen,

Ob in des Tibers schicksalgeweihte Fluth, Wo sich des Fischers Netz in die Wasser taucht, Und Brück′ und Insel und der Besta Trauernder Tempel der Erd′ entsteigen;

Stets blickst mit gleicher Liebe dein Rom du an, Und unaussprechlich finster erhaben ruht′s, Mit Trümmern und Cypressenhügeln Dämmernd in Mondlicht und Todtenstille.

So oft in tiefen Schauern durchwandl′ ich noch Die hohen Stätten, und die Allee entlang Lenk′ ich den Tritt, wo einst der heil′ge Weg an den Tempeln vorüberführte.

Dann harr′ ich, bis die Glock′ auf dem Capitol Die ernste Stund′ ankündigt der Mitternacht, Ein dumpfer Klang und plötzlich wieder Schweiget die Welt und ihr off′nes Grab hier.

Dir dann, du schmachtend Auge der Nacht, o Mond, Dir blick′ ich träumend wieder von neuem zu, Die Wolken seh′ ich um dich wandeln, All′, wie sie kommen, wie sie verschwinden.

Oft bist du klar, sanft lächelnde Freundin Roms! Oft aber gleich den Schatten des Schicksals, gleich Den Völkerstürmen und den Schrecken, Die einst gewüthet an Roma′s Himmel,

Bedeckt dein Antlitz fliegend Gewölk, und schwarz Entragt der Siegesbogen des Abgrunds Grau′n, Und selbst des Donn′rers Säulentempel Schwindet in Dämm′rung am Capitole.

Und stumm seh′ ich die mächtigen Treppen an, Die nun urplötzlich wieder der Vollmond hellt, Und starre hin, und lausch′ und horche, Ob wohl nicht Cäsar heruntersteige.

Und einsmals aus dem buschigen Palatin, Dem trümmerschwarzen, klagt′ eine Nachtigall In all′ die Nacht, in all′ die Stille, Klagte vielleicht von der goldnen Vorzeit.

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Illustration zu Der Mond

Interpretation

Das Gedicht "Der Mond" von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist eine lyrische Hommage an die Stadt Rom und den Mond als Symbol für Trauer und Vergänglichkeit. Der Mond wird als "Gestirn der Trauer" und "liebliche Schutzgottheit" bezeichnet, die eine besondere Verbindung zu Rom hat. Der Dichter vergleicht den Mond mit der Stadt selbst, da beide ihre "heiliges Licht" von einer untergegangenen Quelle erhalten: der Mond von der Sonne, Rom von seiner verlorenen Herrschaft. Waiblinger beschreibt verschiedene Aspekte Roms, die der Mond mit gleicher Liebe betrachtet: öde Mauern, einsame Straßen, Gräber, Kapellen, Klöster und den Tiber. Die Stadt erscheint als ein Ort der Stille und des Todes, umgeben von "Trümmern und Cypressenhügeln" und in "Mondlicht und Todtenstille" ruhend. Der Dichter selbst durchwandert diese "hohen Stätten" und lauscht auf die Glocken des Capitols, die die Mitternacht ankündigen. Der Mond wird als wechselhaftes Wesen dargestellt, das mal klar und lächelnd erscheint, mal von Wolken verdeckt wird. Diese Veränderlichkeit wird mit den Schicksalsschlägen und Schrecken verglichen, die einst über Rom hereingebrochen sind. Der Dichter imaginiert, wie der Vollmond plötzlich die mächtigen Treppen erhellt und erwartet beinahe, Caesar herabsteigen zu sehen. Ein Nachtigallgesang aus dem Palatin verstärkt die Stimmung der Sehnsucht nach vergangener Pracht und "goldner Vorzeit".

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Alliteration
Wo auch herab sich senke
Apostrophe
Ob wohl nicht Cäsar heruntersteige
Appell
Dir dann, du schmachtend Auge der Nacht, o Mond, / Dir blick' ich träumend wieder von neuem zu
Kontrast
Oft bist du klar, sanft lächelnde Freundin Roms! / Oft aber gleich den Schatten des Schicksals
Symbolik
Mondlicht und Todtenstille