Der Mohnkopf
1860Im herben Wind am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken, Verödet muss dies Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken -
Und aschendürr und aschenfahl, Von Gram gebeugt, hinab Zur wüsten Erde starren: Du meiner Hoffnung Grab!
Ach wohl, im Sommer, als flammend heiß Im Blauen die Sonne stand, Da war von üppigen Träumen Mein jugendlich Haupt entbrannt.
Ich loderte glutig und dünkte mich selbst Solch herrlicher Flammenbronnen Und wollt im Herbste Garten und Flur Besäen mit roten Sonnen.
Doch als er kam, der Herbst - da ward Ich zage wie welkend Laub. Und als ich neigte mein Haupt zur Saat, Da war manch Körnlein taub.
Und etliches fiel auf dürr Gestein; Der Vogel hat es gepickt. Und etliches wird, wenn es keimt, zertreten Oder von Dornen erstickt.
Und etliches hat der barsche Sturm Geschleudert, weiß nicht wohin; Auch den vermessenen Jugendtraum Gezaust mir aus dem Sinn.
Nun steh ich hier am Dornenzaun Bei toten, raschelnden Ranken Und muss mit ödem Greisenhaupt Die trüben Tage durchwanken…
O Jugend, du fliegst kühn und rasch, So wie die Schwalbe schnellt. Doch gleich der Schnecke träge schleicht In Ewigkeit die Welt.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Mohnkopf" von Bruno Wille thematisiert den Lebensweg eines Menschen, der von jugendlicher Hoffnung und Begeisterung zu einer ernüchterten und resignierten Altersstimmung gelangt. Der Mohnkopf steht dabei als Metapher für das Leben des lyrischen Ichs, das im Sommer seiner Jugend voller Träume und Hoffnungen war, aber im Herbst des Lebens von Enttäuschungen und Verlusten gezeichnet ist. Die erste Strophe beschreibt die gegenwärtige Situation des lyrischen Ichs: Es steht am Dornenzaun, umgeben von toten, raschelnden Ranken. Das "Greisenhaupt" deutet auf das fortgeschrittene Alter hin, in dem das Ich nun die "trüben Tage" durchwankt. Die Assoziationen von Asche und Grau unterstreichen die Tristesse und Hoffnungslosigkeit der gegenwärtigen Lage. Die mittleren Strophen erinnern an die vergangene Jugendzeit, in der das Ich voller Leidenschaft und Selbstvertrauen war. Die Metapher des flammenden Sommers symbolisiert die intensive Energie und die "üppigen Träume", die das Haupt des lyrischen Ichs entflammten. Der Wunsch, den Herbst mit "roten Sonnen" zu besäen, verdeutlicht den jugendlichen Optimismus und den Glauben an die eigenen Fähigkeiten. Die folgenden Strophen schildern die Ernüchterung und Enttäuschung, die mit dem Einbruch des Herbstes einhergehen. Das Ich wird zögerlich und verliert seinen jugendlichen Mut. Die Aussaat bringt keine erhofften Früchte, sondern wird von Taubheit, Vögeln, Steinen und Dornen behindert. Der "barsche Sturm" symbolisiert die äußeren Widrigkeiten, die den "vermessenen Jugendtraum" aus dem Sinn reißen. Die abschließenden Strophen wiederholen die Ausgangssituation und betonen die Resignation des lyrischen Ichs. Der Vergleich zwischen der schnellen Jugend und der trägen Welt verdeutlicht die Diskrepanz zwischen den eigenen Erwartungen und der Realität.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Glutig und dünkte mich selbst
- Anspielung
- Du meiner Hoffnung Grab
- Bildsprache
- Bei toten, raschelnden Ranken
- Hyperbel
- Und wollt im Herbste Garten und Flur Besäen mit roten Sonnen
- Kontrast
- O Jugend, du fliegst kühn und rasch, Doch gleich der Schnecke träge schleicht In Ewigkeit die Welt
- Metapher
- Verödet muss dies Greisenhaupt
- Personifikation
- Der Vogel hat es gepickt
- Symbolik
- Der Mohnkopf
- Vergleich
- So wie die Schwalbe schnellt
- Wiederholung
- Bei toten, raschelnden Ranken