Der Mönch von Bonifazio
1882“Korsen, löst des Portes Ketten! Jede Hoffnung ist verschwunden! Nirgend weht ein rettend Segel! Gebt Euch! Pfleget eure Wunden!
Genua, euer hats vergessen! Spähet aus von eurem Riffe! Sucht im Meere! Schärft die Augen! Nirgend, nirgend Genuas Schiffe!
Eure Kinder hör ich wimmern, eure Fraun, die hungermatten Blicken hohl wie Nachtgespenster und ihr selber wankt wie Schatten!”
Vom Verdeck des Schiffes rufts empor zu Bonifazios Walle König Alfons milden Sinnes, aber droben schweigen alle.
Nimmer würden sich dem Dränger diese tapfern Korsen geben Gölt es nur das eigne, gölt es nicht der Knaben junges Leben!
Finster vor sich niederstarrend, treten flüsternd sie zusammen Eines Mönchs empörte Augen schiessen Blitze, schleudern Flammen:
“Feige Hunde! Keine Korsen! In die Hölle der Verräter!” - “Schweige, Mönch! Wir haben Herzen. Wir sind Gatten, wir sind Väter.”
Auf dem preisgegebnen Felsen kniet der Mönch in wildem Harme: “Leihe, Gott, mir deine Hände! Gib mir deine starken Arme!
Heute komm ich Lohn zu fordern. Alles gab ich. Nichts geblieben Ist mir ausser meinem Felsen. Aber etwas muss ich lieben.
Gott, du kannst mit deinen Kräften eines Menschen Kräfte steigern! Was du tatst für deine Juden, darfst du keinem Korsen weigern!
Genuas Schiffe will ich suchen! Will sie bei den Schnäbeln fassen! Spannen will ich weite Segel und sie nicht ermatten lassen!”
Alle seine Muskeln schwellen, alle seine Pulse beben, Schiffe durch das Meer zu schleppen, Segel aus der Flut zu heben.
Aufgesprungen, überwindend Raum und Zeit mit seinem Gotte, Deutet er ins Meer gewaltig: “Dort! ich sehe dort die Flotte!”
Aber keine Segel blinken aus des Meeres farbger Weite, Unbevölkert flutet eine schrankenlose Wasserbreite.
Nur die Sonne wandert höher, ihre Strahlen brennen wärmer. Nichts als Meer und nichts als Himmel. Alfons lächelt: “Armer Schwärmer!”
Dort! Am Saum des Meers das Pünktchen … Sichtbar kaum… Der zweit und dritte Punkt und jetzt ein viert und fünfter und ein sechster in der Mitte!
Winde blasen, Wellen stossen. Meer und Himmel sind im Bunde. Segel, immer neue Segel steigen aus dem blauen Grunde.
Wende deine Schiffe, König! Sonst verlierst du Ruhm und Ehre! Woge, Fürstin Genua, woge, du Beherrscherin der Meere!
Alle Glocken Bonifazios schlagen schütternd an und stürmen, Jubel wiegt sich in den Lüften über den zerschossnen Türmen.
Und der Mönch, der mit der Allmacht seinen irdschen Arm bewehrte? An der Erde liegt er sterbend, der von ihrem Hauch Verzehrte.
Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Interpretation
Das Gedicht "Der Mönch von Bonifazio" von Conrad Ferdinand Meyer handelt von der verzweifelten Lage der Korsen auf der Insel Bonifazio, die von den Genuesen belagert werden. Die Korsen sind von der Außenwelt abgeschnitten und ihre Hoffnung auf Rettung schwindet, während ihre Kinder hungern und ihre Frauen verzweifeln. König Alfons von Neapel, der auf einem Schiff vor der Insel liegt, schweigt zu ihrem Hilferuf, da er weiß, dass die Korsen niemals aufgeben würden, wenn es nur um ihr eigenes Leben ginge, aber nun als Väter und Ehemänner eine andere Verantwortung tragen. Ein Mönch, erfüllt von Zorn und Enttäuschung über die Feigheit der Korsen, fordert sie auf, nicht aufzugeben und stattdessen selbst nach den Schiffen Genuas zu suchen. In einem Akt des Glaubens und der Verzweiflung betet er zu Gott, ihm die Kraft zu geben, die Schiffe herbeizuholen. Der Mönch glaubt an die Allmacht Gottes und ist überzeugt, dass er mit göttlicher Hilfe das Unmögliche vollbringen kann. Seine Muskeln spannen sich an, seine Pulse beben, und er deutet ins Meer, wo er die genuesische Flotte zu sehen glaubt. Trotz der Zweifel und des Spotts von König Alfons und den anderen manifestiert sich die Vision des Mönchs: Immer mehr Segel tauchen am Horizont auf, und die genuesische Flotte nähert sich tatsächlich. Die Glocken von Bonifazio läuten, und Jubel erfüllt die Luft über den zerstörten Türmen. Doch der Mönch, der seine irdische Kraft in den Dienst der Allmacht gestellt hatte, liegt sterbend am Boden, verzehrt von der Anstrengung und dem Hauch der Erde. Das Gedicht endet mit dem tragischen Schicksal des Mönchs, der durch seinen unerschütterlichen Glauben und seine selbstlose Tat die Rettung der Korsen ermöglicht hat, aber selbst den Preis dafür mit dem Leben bezahlen muss.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- alle seine Muskeln schwellen, alle seine Pulse beben
- Anapher
- Korsen, löst des Portes Ketten! Jede Hoffnung ist verschwunden! Nirgend weht ein rettend Segel! Gebt Euch! Pfleget eure Wunden!
- Apostrophe
- Feige Hunde! Keine Korsen! In die Hölle der Verräter!
- Bildsprache
- Aufgesprungen, überwindend Raum und Zeit mit seinem Gotte
- Hyperbel
- Und der Mönch, der mit der Allmacht seinen irdschen Arm bewehrte
- Metapher
- Woge, Fürstin Genua, woge, du Beherrscherin der Meere
- Oxymoron
- Armer Schwärmer
- Personifikation
- Winde blasen, Wellen stossen
- Rhetorische Frage
- Gölt es nur das eigne, gölt es nicht der Knaben junges Leben!
- Symbolik
- Segel, immer neue Segel steigen aus dem blauen Grunde
- Vergleich
- ihr selber wankt wie Schatten