Der Mensch
1771Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar, kömmt er und sieht und höret und nimmt des Trugs nicht wahr; gelüstet und begehret und bringt sein Tränlein dar; verachtet und verehret; hat Freude und Gefahr; glaubt, zweifelt, wähnt und lehret, hält nichts und alles wahr; erbauet und zerstöret und quält sich immerdar; schläft, wachet, wächst und zehret; trägt braun und graues Haar, und alles dieses währet, wenn′s hoch kommt, achtzig Jahr. Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder und er kömmt nimmer wieder.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Mensch" von Matthias Claudius beschreibt den Lebenszyklus des Menschen in prägnanten Versen. Es beginnt mit der Geburt, die als wundersames Ereignis dargestellt wird, und führt durch die verschiedenen Lebensphasen, einschließlich der Erfahrungen von Freude und Gefahr, des Glaubens und Zweifels sowie des Bauens und Zerstörens. Der Mensch wird als Wesen dargestellt, das ständig in Bewegung ist, wächst, altert und schließlich nach etwa achtzig Jahren zu seinen Vätern niederlegt, ohne jemals zurückzukehren. Claudius verwendet eine Reihe von Kontrasten und Gegensätzen, um die Komplexität des menschlichen Daseins zu verdeutlichen. Der Mensch wird als jemand gezeigt, der sowohl verehrt als auch verachtet wird, der glaubt und zweifelt, der lehrt und doch nichts als wahr hält. Diese Dualität spiegelt die inneren Konflikte und die ständige Suche nach Bedeutung wider, die den Menschen auszeichnen. Das Gedicht endet mit der unausweichlichen Wahrheit des Todes, die als endgültiges Ende dargestellt wird. Die Zeile "und er kömmt nimmer wieder" unterstreicht die Endgültigkeit des Todes und die Vergänglichkeit des Lebens. Claudius vermittelt eine nüchterne, fast resignierte Sicht auf das menschliche Dasein, das von Anfang bis Ende von Widersprüchen und Herausforderungen geprägt ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- wächst und zehret
- Anapher
- Empfangen und genähret vom Weibe wunderbar, kömmt er und sieht und höret
- Antithese
- verachtet und verehret
- Hyperbel
- und alles dieses währet, wenn's hoch kommt, achtzig Jahr
- Metapher
- legt er sich zu seinen Vätern nieder
- Parallelismus
- verachtet und verehret; hat Freude und Gefahr; glaubt, zweifelt, wähnt und lehret