Der Mensch und die Geschichte
1813Die Weltgeschichte sucht aus spröden Stoffen Ein reines Bild der Menschheit zu gestalten, Vor dem, die jetzt sich schrankenlos entfalten, Die Individuen vergehn, die schroffen.
Die endliche Vollendung ist zu hoffen, Denn diese Künstlerin wird nie erkalten, Auch sehen wir, wenn sich die Nebel spalten, Schon manchen Zug des Bildes tief getroffen.
Doch wir, wie Kinder in der Werkstatt harrend, Wir haschen nach den abgesprungnen Stücken, Die, wie sie schweigend meißelt, niederfallen;
Dann rufen wir, in Andacht dumpf erstarrend, Mit krummen Nacken und gebeugten Rücken: Hier sind die Götter! Laßt den Weihrauch wallen!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Mensch und die Geschichte" von Friedrich Hebbel beschreibt die Weltgeschichte als eine Künstlerin, die aus spröden Stoffen ein reines Bild der Menschheit gestalten möchte. Die Individuen, die sich heute schrankenlos entfalten, gehen vor diesem Bild unter, das sie schroffen. Die Vollendung dieses Bildes ist zu hoffen, denn die Künstlerin, die Geschichte, wird nie erkalten. Wenn sich die Nebel spalten, können wir bereits manche tief getroffene Züge des Bildes erkennen. Die Menschen, die wie Kinder in der Werkstatt harren, fangen die abgesprungenen Stücke auf, die beim stillen Meißeln der Künstlerin zu Boden fallen. Sie rufen dann mit krummen Nacken und gebeugten Rücken: "Hier sind die Götter! Laßt den Weihrauch wallen!" Dies deutet darauf hin, dass die Menschen in ihrer Unwissenheit und ihrem Mangel an Verständnis für den großen Zusammenhang der Geschichte in den kleinen Bruchstücken, die ihnen begegnen, Göttliches sehen und diese vergöttern. Das Gedicht vermittelt die Idee, dass die Geschichte ein fortlaufender Prozess ist, der darauf abzielt, ein perfektes Bild der Menschheit zu schaffen. Die Menschen sind Teil dieses Prozesses, aber sie verstehen oft nicht das ganze Ausmaß und die Bedeutung dessen, was geschieht. Sie sind fasziniert von den kleinen Details und Bruchstücken, die ihnen begegnen, und neigen dazu, diese zu vergöttern, anstatt das größere Bild zu erkennen, das sich langsam herausbildet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Hier sind die Götter! Laßt den Weihrauch wallen
- Personifikation
- Denn diese Künstlerin wird nie erkalten
- Vergleich
- Doch wir, wie Kinder in der Werkstatt harrend