Der Mensch [1]

Friedrich Hölderlin

1912

Kaum sproßten aus den Wassern, o Erde, dir Der jungen Berge Gipfel und dufteten Lustatmend, immergrüner Haine Voll, in des Ozeans grauer Wildnis

Die ersten holden Inseln; und freudig sah Des Sonnengottes Auge die Neulinge, Die Pflanzen, seiner ewgen Jugend Lächelnde Kinder, aus dir geboren.

Da auf der Inseln schönster, wo immerhin Den Hain in zarter Ruhe die Luft umfloß, Lag unter Trauben einst, nach lauer Nacht, in der dämmernden Morgenstunde

Geboren, Mutter Erde! dein schönstes Kind;- Und auf zum Vater Helios sieht bekannt Der Knab, und wacht und wählt, die süßen Beere versuchend, die heilge Rebe

Zur Amme sich; und bald ist er groß; ihn scheun Die Tiere, denn ein anderer ist, wie sie, Der Mensch; nicht dir und nicht dem Vater Gleicht er, denn kühn ist in ihm und einzig

Des Vaters hohe Seele mit deiner Lust, O Erd ! und deiner Trauer von je vereint; Der Göttermutter, der Natur, der Allesumfassenden möchte er gleichen!

Ach ! darum treibt ihn, Erde! vom Herzen dir Sein Übermut, und deine Geschenke sind Umsonst und deine zarten Bande; Sucht er ein Besseres doch, der Wilde!

Von seines Ufers duftender Wiese muß Ins blütenlose Wasser hinaus der Mensch, Und glänzt auch, wie die Sternenacht, von Goldenen Früchten sein Hain, doch gräbt er

Sich Höhlen in den Bergen und späht im Schacht, Von seines Vaters heiterem Lichte fern, Dem Sonnengott auch ungetreu, der Knechte nicht liebt und der Sorge spottet.

Denn freier atmen Vögel des Walds, wenn schon Des Menschen Brust sich herrlicher hebt, und der Die dunkle Zukunft sieht, er muß auch Sehen den Tod, und allein ihn fürchten.

Und Waffen wider alle, die atmen trägt In ewigbangem Stolze der Mensch; im Zwist Verzehrt er sich und seines Friedens Blume, die zärtliche, blüht nicht lange.

Ist er von allen Lebensgenossen nicht Der seligste? Doch tiefer und reißender Ergreift das Schicksal, allausgleichend, Auch die entzündbare Brunst dem Starken.

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Illustration zu Der Mensch [1]

Interpretation

Das Gedicht "Der Mensch" von Friedrich Hölderlin thematisiert die Entstehung und Natur des Menschen im Verhältnis zur Natur und den Göttern. Hölderlin schildert den Menschen als Kind der Erde und des Sonnengottes Helios, geboren auf einer Insel in der Wildnis des Ozeans. Der Mensch wächst heran, wählt die Rebe als Amme und wird groß. Er unterscheidet sich von Tieren und Natur, da in ihm die Seele des Vaters und die Lust und Trauer der Erde vereint sind. Hölderlin beschreibt den Menschen als übermütig und unzufrieden mit den Gaben der Erde. Er verlässt die duftende Wiese seines Ufers und gräbt Höhlen in den Bergen, um nach einem Besseren zu suchen. Der Mensch wird als Sklave seiner eigenen Ängste und Sorgen dargestellt, der Waffen gegen alle trägt, die atmen. Sein Frieden und seine zarte Blume des Lebens blühen nicht lange. Das Gedicht endet mit der Frage, ob der Mensch nicht der seligste aller Lebewesen sei, aber auch mit der Erkenntnis, dass das Schicksal, in seiner ausgleichenden Natur, auch den Starken mit seiner entzündbaren Leidenschaft ergreift. Hölderlin zeichnet ein ambivalentes Bild des Menschen - als einzigartiges und freies Wesen, aber auch als eines, das von seiner eigenen Natur und dem Schicksal gezeichnet ist.

Schlüsselwörter

erde mensch inseln geboren hain vater sieht vaters

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Stilmittel

Bildsprache
Von seines Ufers duftender Wiese muß / Ins blütenlose Wasser hinaus der Mensch
Metapher
Ergreift das Schicksal, allausgleichend
Personifikation
Von seines Vaters heiterem Lichte fern
Rhetorische Frage
Ist er von allen Lebensgenossen nicht / Der seligste?