Der Maler

Ludwig Eichrodt

1856

Oft mein ich, wenn ich in Träumen liege, Es trete zu mir eine hehre Gestalt, Und wenn ich mich freudvoll an sie schmiege, So küsse sie mich mit Liebesgewalt; So spräche sie laut, ich suchte dich lange, Und da ich dich endlich gefunden hab, So laß mich entsagen dem finstern Zwange, So liebe du mich, du lieber Knab!

Und immer die gleiche, immer die holde Erscheinet die liebliche Traumgestalt, Hochgrüßenden Augs, mit Locken von Golde Die anmuthselige Schulter umwallt! Wollüstig wühl ich im Golde der Locken, Ich presse mein Vollglück an die Brust, Und, süß vor unendlichen Reizen erschrocken, Erschüttert mich plötzlich der nahe Verlust.

Ich frage mich oft, ich frage mich immer, Woher die Stimme so thränensüß? Woher der weihrauchwonnige Schimmer, Wenn sie mich staunend einsam ließ? Woher der Augen leuchtende Lohe, Woher die zaubrische Liebesgewalt? Woher die reine, woher die hohe Woher die wunderbare Gestalt?

Doch - darf die nüchterne Seele fragen Nach dem geheimnißreichsten Wie? Von Wahngebilden ein Kluges sagen, Vom Spiel der müßigen Phantasie? Nein, um mich ewig beglückt zu lassen, Verläumdet mir nicht das zagende Glück, Die Unaussprechliche würde mich hassen, Und, nimmer ach, kehrte sie mir zurück!

Es ist kein Scheinen, kein Wahngebilde, Kein Spiel der müßigen Phantasie. Sie schwebt aus göttlichem Gefilde, Das ihr so milden Reiz verlieh! Es sind die heiligen, glücklichen Inseln! Drauf wandelt im vollen Lebensdrang, Was aus parrhasischen Meisterpinseln, Was aus dem Haupt der Dichter sprang!

Und sieh, und sieh! schon naht sie wieder, Mein Glaube wird, meine Treue belohnt, Musik durchströmt die blühenden Glieder, Darin der Geist des Wohlklangs wohnt. Sie lächelt Dank, sie sinket nieder Wie herrliches Licht vom Maimond fließt, Und mich berauschen unsterbliche Lieder, Wie sie Apollo, der Gott, genießt!

Zufällig in der weiten Stadt, Sind wir einander begegnet, Oft wenn die Sonne geschienen hat, Ein andermal wenns geregnet.

Ich habe dich erst nur angestaunt, Von deiner Schönheit betroffen, Allmälig ward ich so gut gelaunt, Auf Gegengruß zu hoffen.

Ein Lächeln flog um deinen Mund Als wir uns ferner sahen, Und in dem Innersten ward mirs kund, Dir, Schönste, dürf ich nahen.

O rührender Wuchs, o Prachtgestalt, Der Melosgöttin vergleichbar, Antlitz voll Nibelungengehalt, Dein Schwung ist nimmer erreichbar!

Der liebliche Mund, ach wenn er lacht, Ach! deine strahlenden Züge, Sie reißen zu dir mit Wahnsinnsmacht All meine Gedankenflüge!

Von Sehnsucht aber umhergejagt Werd ich seit jener Stunde, Da ich den flüchtigen Kuß gewagt, Da du mir hingst am Munde.

Kein Feuer, keine Kohle kann glühn so heiß Als heimliche Liebe, so mögen Wirs halten, ein traut Geheimniß seis, Wir wollen es würdig pflegen!

Wir wollen ach! einen schönen Traum Zusammen träumen, wir wollen Ausschlürfen mit seinem süßesten Schaum Den Lebenskelch, den vollen!

Dies Werktagsleben es ist so schal, Trübgrau wie Regenwetter, Nur heiße Liebe ist Sonnenstrahl, Weckt Blüthen auf und Blätter.

O könnt ich volle Stunden einmal Dir ruhig am Busen säumen, Vergessen die Erde, das Jammerthal, Vergessen und selig träumen!

Beherrscherin meiner Phantasie, Auf! nenne mir Ort und Stunde! Gib meinem Dasein Poesie - Dann geh ich ja gern zu Grunde!

Noch sind wir stark, noch sind wir jung, Drum habe du Muth und wache, Daß selige Lenzerinnerung Uns spät noch glücklich mache!

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Illustration zu Der Maler

Interpretation

Das Gedicht "Der Maler" von Ludwig Eichrodt ist ein lyrisches Werk, das die Themen Liebe, Sehnsucht und die Macht der Phantasie behandelt. Der Dichter beschreibt seine Träume und Visionen einer idealen Geliebten, die er als göttlich und unerreichbar empfindet. Er vergleicht sie mit Figuren aus der griechischen Mythologie und der Kunst und betont ihre Schönheit und Anmut. Das Gedicht ist in zwei Teile gegliedert, die sich in ihrer Stimmung und Perspektive unterscheiden. Im ersten Teil träumt der Maler von einer himmlischen Frau, die ihn mit ihrer Liebe und Zärtlichkeit umgarnt. Er ist fasziniert von ihrem Aussehen, ihrem Duft und ihrem Wesen, das er als überirdisch empfindet. Er fragt sich, woher diese Traumgestalt kommt und was sie für ihn bedeutet. Er fürchtet, dass er sie verlieren könnte, wenn er zu viel nachfragt oder an ihr zweifelt. Er glaubt, dass sie aus einem göttlichen Reich stammt, das er nur in der Kunst und der Dichtung erreichen kann. Er verehrt sie als eine Art Muse, die ihn inspiriert und beglückt. Im zweiten Teil erlebt der Maler eine reale Begegnung mit einer Frau, die ihm sehr ähnlich zu sein scheint wie seine Traumgestalt. Er ist von ihrer Schönheit und ihrem Charme überwältigt und hofft auf eine gegenseitige Zuneigung. Er gesteht ihr seine heimliche Liebe und bittet sie, mit ihm einen schönen Traum zu teilen. Er verspricht ihr, ihr ein Leben voller Poesie und Leidenschaft zu schenken, solange sie jung und stark sind. Er warnt sie vor der Eintönigkeit und Tristesse des Alltags und fordert sie auf, die Liebe als Sonnenstrahl zu genießen, der Blüten und Blätter zum Erblühen bringt. Er sehnt sich danach, mit ihr in seinen Armen zu liegen und die Welt zu vergessen. Er fleht sie an, ihm einen Ort und eine Stunde zu nennen, wo sie sich treffen können, und verspricht ihr, dass er für sie sterben würde, wenn sie ihm die Poesie in sein Dasein bringt. Er hofft, dass sie später einmal eine glückliche Erinnerung an ihre gemeinsame Zeit haben werden.

Schlüsselwörter

woher kein oft träumen liebe phantasie wollen gestalt

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Von Wahngebilden ein Kluges sagen
Anapher
Oft mein ich, wenn ich in Träumen liege
Apostrophe
Beherrscherin meiner Phantasie
Bildsprache
Ich presse mein Vollglück an die Brust
Hyperbel
Von Sehnsucht aber umhergejagt
Metapher
Sie schwebt aus göttlichem Gefilde
Personifikation
Musik durchströmt die blühenden Glieder
Symbolik
Sonnenstrahl
Vergleich
Der Melosgöttin vergleichbar
Wiederholung
Woher die reine, woher die hohe