Der Literat

Hugo Ball

1927

Ich bin der große Gaukler Vauvert. In hundert Flammen lauf ich einher. Ich knie vor den Altären aus Sand, Violette Sterne trägt mein Gewand. Aus meinem Mund geht die Zeit hervor, Die Menschen umfaß ich mit Auge und Ohr.

Ich bin aus dem Abgrund der falsche Prophet, Der hinter den Rädern der Sonne steht. Aus dem Meere, beschworen von dunkler Trompete, Flieg ich im Dunste der Lügengebete. Das Tympanum schlag ich mit großem Schall. Ich hüte die Leichen im Wasserfall.

Ich bin der Geheimnisse lächelnder Ketzer, Ein Buchstabenkönig und Alleszerschwätzer. Hysteria clemens hab ich besungen In jeder Gestalt ihrer Ausschweifungen. Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat Streu ich der Worte verfängliche Saat.

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Interpretation

Das Gedicht "Der Literat" von Hugo Ball ist ein komplexes und vielschichtiges Werk, das die Figur des Literaten als Gaukler und Manipulator darstellt. Der Sprecher identifiziert sich als "großer Gaukler Vauvert", der in "hundert Flammen" wandelt und vor "Altären aus Sand" kniet. Diese Bilder deuten auf eine Art Schausteller hin, der mit Illusionen und Täuschungen arbeitet. Die "violetten Sterne" auf seinem Gewand könnten auf eine Art Mystik oder Esoterik hinweisen, die der Literat vortäuscht. Die Zeile "Aus meinem Mund geht die Zeit hervor" legt nahe, dass der Literat die Macht hat, die Zeit zu manipulieren oder zu kontrollieren, was seine Einflussnahme auf die Gesellschaft unterstreicht. Im zweiten Teil des Gedichts wird der Literat als "falscher Prophet" beschrieben, der "hinter den Rädern der Sonne" steht. Dies könnte als Kritik an der Rolle von Intellektuellen oder Schriftstellern interpretiert werden, die sich als Propheten oder Führer aufspielen, aber in Wirklichkeit täuschen. Der Literat fliegt "im Dunste der Lügengebete", was seine Verbindung zu Lügen und Täuschung verstärkt. Das "Tympanum" könnte auf die Trommel des Ohres anspielen, was darauf hindeutet, dass der Literat die Menschen durch Worte und Klänge beeinflusst. Die Zeile "Ich hüte die Leichen im Wasserfall" könnte als Symbol für die Zerstörung oder den Verfall der Gesellschaft durch die Worte des Literaten gedeutet werden. Im letzten Teil des Gedichts wird der Literat als "lächelnder Ketzer" und "Buchstabenkönig" bezeichnet, was seine Rolle als Verführer und Manipulator unterstreicht. Die "Hysteria clemens" könnte auf die emotionale Manipulation durch Worte anspielen, die der Literat beherrscht. Die Zeile "Ein Spötter, ein Dichter, ein Literat / Streu ich der Worte verfängliche Saat" fasst die Rolle des Literaten als Verbreiter von Lügen und Täuschungen zusammen. Das Gedicht kritisiert somit die Macht der Worte und die Verantwortungslosigkeit von Intellektuellen, die ihre Fähigkeiten nutzen, um die Gesellschaft zu manipulieren und zu täuschen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Streu ich der Worte verfängliche Saat