Der Lindenbaum

Wilhelm Müller

1823

Am Brunnen vor dem Tore Da steht ein Lindenbaum Ich träumt in seinem Schatten So manchen süßen Traum Ich schnitt in seine Rinde so manches liebes Wort Es zog in Freud und Leide Zu ihm mich immer fort

Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht Da hab ich noch im Dunkel Die Augen zugemacht Und seine Zweige rauschten Als riefen sie mir zu: “Komm her zu mir, Geselle Hier findst du deine Ruh”

Die kalten Winde bliesen Mir grad ins Angesicht Der Hut flog mir vom Kopfe Ich wendete mich nicht Nun bin ich manche Stunde Entfernt von diesem Ort Und immer hör ich′s rauschen: “Du fändest Ruhe dort”

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Illustration zu Der Lindenbaum

Interpretation

Das Gedicht "Der Lindenbaum" von Wilhelm Müller beschreibt die tiefe emotionale Verbindung des lyrischen Ichs zu einem Lindenbaum, der am Brunnen vor dem Tor steht. In der Vergangenheit war dieser Baum ein Ort der Träume und Zuflucht, an dem das Ich in seinem Schatten süße Träume träumte und liebevolle Worte in seine Rinde schnitt. Der Baum wurde zu einem Symbol der Geborgenheit, das das Ich in Zeiten der Freude und des Leids anzog. In der Gegenwart begegnet das Ich dem Baum erneut, doch die Umstände haben sich geändert. In der tiefen Nacht wandert es vorbei, und obwohl es die Augen schließt, um sich an den Baum zu erinnern, rauschen die Zweige, als würden sie es zurückrufen. Der Baum bietet weiterhin Ruhe und Zuflucht an, doch das Ich wird von kalten Winden gepeitscht und muss weiterziehen, ohne sich umzudrehen. Trotz der physischen Distanz bleibt die Erinnerung an den Baum präsent, und das Rauschen der Zweige hallt in den Gedanken des Ichs nach, als würde es es immer wieder an die verlorene Ruhe erinnern. Das Gedicht thematisiert die Sehnsucht nach einem verlorenen Ort der Geborgenheit und die Unfähigkeit, zu diesem Ort zurückzukehren. Der Lindenbaum symbolisiert eine vergangene Zeit des Friedens und der Zufriedenheit, die dem Ich nun unerreichbar erscheint. Die kalten Winde und die physische Distanz stehen für die Hindernisse, die das Ich daran hindern, zu seinem Zufluchtsort zurückzukehren, während das beständige Rauschen der Zweige die unerfüllte Sehnsucht nach Ruhe und Geborgenheit widerspiegelt.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Freud und Leide
Anapher
Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht
Hyperbel
Ich mußt auch heute wandern Vorbei in tiefer Nacht
Metapher
Hier findst du deine Ruh
Personifikation
Und seine Zweige rauschten Als riefen sie mir zu