Der Liebestempel

Luise Büchner

1877

O, ihre Liebe war ein stolzer Bau - Der Freude Flagge weht′ auf seinen Zinnen, Und Kränze, feucht von süßer Thränen Thau, Sie schmückten ihn von außen und von innen.

Vertrauen, stärker noch als Marmorstein, Als Säule trug die Kuppel in der Mitten, Das Fenster prangt′ im reinsten Demantschein, Aus ächter Treue festem Stoff geschnitten.

Und süßes, heitres Himmelslicht ergoß Des Herzens Reinheit durch die klare Scheibe, Wie Heil′genschein sein Inn′res ganz umfloß, Was Liebe Gutes, Schönes weckt im Weibe.

So stand gebaut er für die Ewigkeit; Weh′ daß das Heut′ ihn schon in Trümmern findet - Ihn stürzte nicht die allgewalt′ge Zeit, Ach, nein! er war auf losen Sand gegründet!

Er selbst hat ihn gebrochen und zerstört, Den stolzen Bau, in dem sie ihn verehret, Von seiner eignen Schwäche überthört, Hat er ihn selbst mit frevler Hand verheeret.

Erst sank die Flagge von der Kälte Hauch, Die Kränze welkten bei der Launen Spiele, Die Säule bröckelte am Ende auch - Im Staub erst, sah ihr Glaube sich am Ziele.

Die Treue nur prangt noch im Demantschein, Kann sie so schnell den theuren Tempel lassen? Der Gram wie bleiches Mondlicht fällt hinein Und findet nirgends, nirgends Raum zum Hassen! -

Wer weiß, wenn er dereinst die Straße geht Und ihres Baues Trümmer vor ihm ragen, Ob dann voll Trauer er nicht stille steht, Voll bitt′rer Reue, daß er ihn zerschlagen!

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Illustration zu Der Liebestempel

Interpretation

Das Gedicht "Der Liebestempel" von Luise Büchner beschreibt metaphorisch eine einst stolze und prächtige Liebe, die einem Tempel gleichkommt. Der Bau steht für die Beziehung, die mit Freude und Zärtlichkeit geschmückt war. Vertrauen und Treue bilden die tragenden Säulen, während die Reinheit des Herzens das innere Licht spendet. Die Liebe wird als etwas Ewiges und Göttliches dargestellt, das Schönheit und Gutes im Menschen weckt. Doch der Idylle folgt der Zerfall. Der Tempel stürzt nicht durch die Zeit, sondern weil er auf losem Sand errichtet wurde – die Grundlage der Liebe war also von Anfang an unsicher. Der Sprecher macht den Geliebten für den Untergang verantwortlich: er selbst zerstörte, was er einst verehrte, geblendet von seiner eigenen Schwäche. Symbolisch fallen die Flagge, die Kränze und die Säule, bis nur noch die Treue im glänzenden Schein verbleibt. Der Glaube der Frau erkennt die Wahrheit erst im Staub. Am Ende bleibt eine tiefe Trauer und Reue zurück. Der Sprecher fragt sich, ob er einst, wenn er die Trümmer seiner Tat sieht, still stehen und voller Schmerz bereuen wird, den Tempel zerstört zu haben. Das Gedicht endet mit der Frage nach der Möglichkeit der Reue und dem unausweichlichen Schmerz über den unwiderruflichen Verlust.

Schlüsselwörter

liebe bau flagge kränze säule prangt demantschein treue

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Stilmittel

Metapher
Voll bitt′rer Reue, daß er ihn zerschlagen
Personifikation
Der Freude Flagge weht′ auf seinen Zinnen