Der Liebe Verlust
1808Zeigt die trübe dunkle Seite Dir auch oft das Leben, Ist′s vom Bild doch nur der Schatten, Um das Licht zu heben.
I.
Auf schwarzbehangenem Gerüst der Trauer Lag sie, die ich geliebt, im Lilienkleid. Rings um das Bildnis des Erlösers glomm Trübflackernd Kerzenlicht und schimmerte Mit müdem Strahl durchs düstere Gemach. Dort im Gefäß, gefüllt mit Weihbronn, lag Des Rosmarines deutungsvoller Zweig. Sie aber schlief, so ruhig, blaß und schön, Die Händ′ am Busen übers Kreuz gefaltet, Ein duft′ger Kranz umschlang der Jungfrau Haupt. Stumm war ihr Mund, doch ahnt′ ich, was er sprach, Und spiegelt meinen Liebesblick auch nimmer Ihr Auge wieder, sieht′s doch Erdenleid Nicht mehr und wird vom Weinen nimmer rot.
Allein kniet′ ich an ihrem Todesbett, Dumpf summt′ des Turmes Glocke: Mitternacht! Und was der Schmerz verboten erst, erzwang Er nun gebietend, und besiegt von ihm Sank ich in Schlummer und in solchen Traum:
Durch rosiges Gewölk sah ich sie lächelnd Hinschweben und des Lichtes Wohnung grüßen. Es strömt, in Wellenlocken, fließend Gold Als Haar ihr von der heitren Stirn; doch nicht Gewöhnlich Haar und nicht gewöhnlich Gold! Nicht schmückt mit höherm Reiz sie jetzt der Himmel, Denn allen Schmuck gab er ihr schon auf Erden; Und wie durchs Leben einst, so wandelt sie Nun durch des ew′gen Frühlings Haine hin. Doch an der Brust blinkt ihr ein Perlenkranz, Ich kenn′ ihn wohl! der Liebe Tränen sind′s, Die wir zusammen einst geweint. Und sieh: Nun preßt sie warm ans Herz das edle Kleinod Und legt′s dann nieder still vor Gottes Thron.
Der Traum wich. Träger harren schon der Bahre, Durchs Fenster hoch flammt Morgenrot herein; Und ich verstand und weinte nimmermehr. Der Leiche naht′ ich leise und besprengte Sie dann, still segnend, mit dem heil′gen Bronn.
II.
Tot ist und zweifach eingesargt mein Liebchen: Dort in der Erdgruft unter kaltem Stein, Und hier in meines Herzens wärmstem Stübchen: Welch Grab von beiden ihr mag lieber sein?
Gesanglos ließ man sie zu Grabe bringen, Doch mir im Herzen scholl der Leichensang; Da ging es an ein Pochen und ein Klingen, Daß bei dem Lied mir fast der Kopf zersprang.
Der Grabstein bricht einst auf wie Knospenhülle, Draus taucht die junge Ros′ ans Morgenlicht, Doch mir im Herzen ruht sie tief und stille, Dies Grabessiegel sprengt sie ewig nicht.
Auch ist ihr drin ein Monument errichtet, Wie sich′s ob keiner Königsleich′ erhebt, Denn Pyramiden, himmelhoch geschichtet, Und Tempel stürzen, doch mein Herz, das - lebt! -
III.
Des Hügels Gras, jetzt frisch und grün, Erstirbt von Winters Hauch, Stehn bleibt das Kreuz nur, fest und kühn, Nach treuen Wächters Brauch.
Dem Gras gleicht meines Lebens Bahn, Mein Schmerz dem Kreuz von Stein; Und ewig treu dich zu umfahn, Möcht′ ich dein Sarg wohl sein.
IV.
Die Stätte, wo du jetzo schläfst Und ruhst von ird′scher Qual, Als du noch auf der Erde gingst, War sie gar wüst und kahl.
Doch sieh, welch süßes Blumenheer Jetzt dort in Fülle sprießt! O lebtest du nur wieder auf, Wenn′s dort, wie vor, so wüst!!
V.
(Tageszeiten)
Wann ich immer kommen mag, So bei Nacht und so bei Tag, Stets auf ihrem Leichenstein Glänzet Tau, wie Silber rein.
Zieht der Morgen erdenab, Wallt er auch zu ihrem Grab, Schüttet auf des Grabes Rain Opfernd Perl′ und Edelstein.
Zieht vorbei an ihrer Gruft Abend mit Gesang und Duft, Sprengt er sanften Regen hin, Daß die Blumen fürder blühn.
Wenn in Kummer und Gebet Nacht am frischen Hügel steht, Ringt sich eine Träne los Ihrem Auge hell und groß.
Mehr als Morgen, Abend, Nacht, Hat des Taus Mittag gebracht; Doch am Grab im Sonnenschein Steh′ nur ich, nur ich allein.
VI:
(Kränze)
Mancher Brautkranz sproßt′ und blühte Aus des Kirchhofs Mutterschoß: Drum im Haar der Braut noch lispelt Er vom Grab, dem er entsproß.
Mancher Totenkranz entkeimte Luftig blühn′der Gartenflur: Drum am Haupt der Leiche säuselt Er von Lenz und Garten nur.
VII.
(Widerspruch)
Als an ihrem Mund ich hangend Sog noch ihren Odem ein, Träumt′ ich viel von Tod und Trennung Und von Sarg und Leichenstein.
Nun ich steh′ an ihrem Grabe, Träum′ ich nur von Liebesgruß, Und wie ihre Wangen glühten, Und von ihrem ersten Kuß.
VIII.
(Die Grabrose)
Du Grabesrose wurzelst wohl In ihres Herzens Schoß, Und ihres ew′gen Schlafes Hauch Zog deine Keime groß.
Du saugest Glut und Lebenskraft Aus ihres Herzens Blut, Sie gab ja Freude stets und Lust Und gibt′s noch, wenn sie ruht.
Dein Lächeln und dein Duften stahlst Und schlürftest du aus ihr, Den roten Kelch, den formtest du Aus ihren Wangen dir;
Die Purpurblätter sogest du Aus ihrem süßen Mund, Drum sind sie auch so rot und lind, So duftig und so rund.
Sie gab dir Blätter, Farb′ und Duft, Gab Glut und Leben dir, Woher doch nahmst die Dornen du? Die kommen nicht von ihr! -
Willkommen denn und bleibe mein! Wenn Haß und Nacht mir droht, Erinnre mich dein Flammenkelch An Lieb′ und Morgenrot.
IX.
(Im Winter)
Der Winter steigt, ein Riesenschwan, hernieder, Die weite Welt bedeckt sein Schneegefieder. Er singt kein Lied, so sterbensmatt er liegt Und brütend auf die tote Saat sich schmiegt; Der junge Lenz doch schläft in seinem Schoß, Und saugt an seiner kalten Brust sich groß, Und blüht wohl einst in tausend Blumen auf Und jubelt einst in tausend Liedern auf.
So steigt, ein bleicher Schwan, der Tod hernieder. Senkt auf die Saat der Gräber sein Gefieder Und breitet weithin über stilles Land, Selbst still und stumm, das starre Eisgewand; Manch frischen Hügel, manch verweht Gebein, Wohl teure Saaten, hüllt sein Busen ein; - Wir aber stehn dabei und harren still, Ob nicht der Frühling bald erblühen will? - -
X.
Mit dir zu jubeln, taugen wohl die Menschen, Doch nicht zu weinen. Flammt dir Schmerz im Busen, O suche dir bei Menschen nicht den Trost! Der eine gibt dir Liebesschwänke preis; Wenn eben du die Braut zu Grabe trugst; Starb all dein Glück, Freund oder Vater, - frägt Ein andrer gar: Schatz, Sie befinden sich - ?
XI.
So träufle denn, Natur, du mir ins Herz Des Trostes Balsam! - Doch, fleh′ ich umsonst? Und bleibst unwandelbar du, wenn sich auch Mein innerst Selbst verwandelt mir entrückt? Noch glänzet deiner Sonne Strahlenantlitz Und lächelt, wie zur Lust einst, jetzt zum Schmerz; Ihr öffnen sich, wie sonst, der Blumen Kelche, Ihr Bildnis trägt noch stets der Strom am Herzen, Und lautbegrüßt vom Hain und seinen Sängern, Erwacht sie stets und schlummert stets hinüber. - Schön ist dein Antlitz, o Natur, doch kalt, Kalt, wie die schönen Menschenangesichter, Und Mitleid spiegelte sich nie darauf. Denn deine Träne selbst, den Tau, den du Auf einsam stille Gräber weinst, den träufelst Zugleich herab du auf des Glücks Paläste.
XII.
Sieh! nun auf ihren Leichenstein setzt flatternd Ein weißes Täubchen sich. Der Liebe Grüße Bringt′s wohl von fernher ferner Liebe zu; Jetzt wühlt es mit dem Schnabel sanft im Fittig, Dann flattert′s auf und fliegt ans frohe Ziel. Dank dir, o Liebesbotin! - Ich verstand; Du teurer Grabeshügel, sei auch mir Ein Ruhsitz auf ermüdend rauher Bahn, Und fort dann rüstig auf betönten Schwingen, Ans Ziel fort, wo die Liebe meiner harrt! -
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Interpretation
Das Gedicht "Der Liebe Verlust" von Anastasius Grün handelt von dem tiefen Schmerz und der Trauer, die der Verlust einer geliebten Person mit sich bringt. Der Autor beschreibt den Tod der Geliebten und die damit verbundenen Emotionen, wie Einsamkeit, Sehnsucht und Verzweiflung. Er malt ein düsteres Bild von der Trauerfeier und dem Begräbnis, bei dem der Erzähler allein am Sterbebett der Geliebten kniet und in einen Traum versinkt, in dem er sie im Himmel sieht. Der Traum gibt ihm Hoffnung und Trost, da er erkennt, dass die Liebe auch über den Tod hinaus bestehen kann. In den folgenden Strophen reflektiert der Erzähler über die Vergänglichkeit des Lebens und die Unvermeidlichkeit des Todes. Er vergleicht den Tod mit einem bleichen Schwan, der die Welt mit seinem eisigen Gefieder bedeckt und die Gräber der Verstorbenen in sich aufnimmt. Trotzdem bleibt er voller Hoffnung und glaubt daran, dass der Frühling und das Leben irgendwann zurückkehren werden. Der Erzähler sucht Trost in der Natur, aber auch hier findet er keine Erleichterung, da die Natur selbst kalt und gefühllos erscheint. Am Ende des Gedichts sieht er ein weißes Täubchen auf dem Grabstein seiner Geliebten und interpretiert dies als Zeichen der Liebe und des Trostes. Er hofft, dass auch er eines Tages in den Armen seiner Geliebten ruhen und gemeinsam mit ihr das Ziel erreichen wird, wo die Liebe auf sie wartet.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Metapher
- Ans Ziel fort, wo die Liebe meiner harrt
- Personifikation
- Dumpf summt' des Turmes Glocke: Mitternacht!