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Der liebe Gott ist tot

Von

Bei Meister Martin war die Not zu Haus,
Aus jedem Winkel guckte sie heraus,
Sie machte sich in Küch′ und Keller breit,
Sie aß am leeren Tisch zur Mittagszeit
Und legte selbst am Abend schadenfroh
Sich mit den Müden auf die Schütte Stroh.
Und ob′s der Meister noch so emsig trieb,
Arbeitend halbe Nächte munter blieb,
Umsonst, es wuchs die Not mit jedem Tag,
Und mutlos ward der Meister allgemach,
Ließ ruhn die fleiß′ge Hand und seufzte schwer
Und wankte wie ein Schatten bleich umher.
Und mahnte ihn sein Weib, auf Gott zu trau′n,
Zog er zusammen finstrer noch die Brau′n
Und brummte: „Weib, laß mir das Trösten sein,
Uns kann vom Elend nur der Tod befrei′n.“
Da schwieg die Frau und sprach kein Wörtlein mehr
Und wankte wie ein Schatten bleich umher,
Saß müßig an dem Rocken stundenlang
Tief in Gedanken still und seufzte bang.
Da sprach der Mann: „Was fehlt dir nur, Marie?“
Und als sie schwieg, drang er noch mehr in sie,
Sie solle ihm ihr Leiden doch gestehn,
Er könne sie nicht mehr so traurig sehn.
Und sie darauf: „Ach, in verwichner Nacht
Hat mir ein Traum das Herz so schwer gemacht!
Ja, bester Mann, ich will dir′s nur gestehn,
Ich hab′ im Traum den lieben Gott gesehn,
Er lag im Sarg, sein Haar war silberweiß,
Und weinend standen Engel rings im Kreis;
Der Helfer starb, nie endet unsre Not,
Der liebe Gott, – der liebe Gott ist tot.“
Da lächelte der Mann nach langer Zeit
Zum ersten Mal und sprach mit Freundlichkeit:
„Ei, ei, Marie, wie du so töricht bist!
Weißt du denn nicht, daß Gott unsterblich ist,
Daß er, erhaben über Raum und Zeit,
Regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit?“
„Wie?“ – sprach die Frau – „so glaubst du, lieber Mann,
Daß Gott im Himmel niemals sterben kann,
Daß er derselbe bleibet fort und fort,
Und wählest ihn doch nicht zu deinem Hort,
Und setzest deine Hoffnung nicht auf ihn,
Des Hilfe stets zur rechten Zeit erschien?“
Da fiel′s wie Schuppen von des Mannes Geist.
„Ja, Gott ist treu, er hält, was er verheißt!
Dank, liebes Weib, du wecktest mein Vertraun,
Auf Gottes Hilfe will ich freudig baun,
Und zag′ ich jemals wieder in der Not,
Dann frag′ mich nur: „Ist denn der Herrgott tot?“

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Gedicht: Der liebe Gott ist tot von Julius Sturm

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der liebe Gott ist tot“ von Julius Sturm ist eine eindringliche Auseinandersetzung mit dem Glauben, der Hoffnung und der Verzweiflung in Zeiten wirtschaftlicher Not. Es erzählt die Geschichte eines Meisters Martin und seiner Frau Marie, die unter Armut leiden. Die zentrale Aussage des Gedichts wird durch einen Traum Marias vermittelt, in dem sie den Tod Gottes erlebt.

Die erste Hälfte des Gedichts beschreibt die ausweglose Situation der Familie. Die Not, personifiziert als allgegenwärtige Präsenz, drückt die Hoffnungslosigkeit und das Gefühl der Ohnmacht aus, denen die Figuren ausgesetzt sind. Martin, der fleißig arbeitet, scheitert an den äußeren Umständen und verliert seinen Glauben und Lebensmut. Seine Reaktion auf den Rat seiner Frau, auf Gott zu vertrauen, zeigt seine tiefe Verzweiflung und den Verlust der Hoffnung auf eine bessere Zukunft.

Der Traum Marias stellt den Wendepunkt dar. Die Vision vom Tod Gottes spiegelt das innere Erleben der Figuren wider, die den Glauben an eine helfende Macht verloren haben. Marias Traum, in dem Engel weinen, unterstreicht die Tragweite des Verlustes und die daraus resultierende Verzweiflung. Die Erkenntnis, dass „der liebe Gott tot“ ist, wird zum Sinnbild für das Ende der Hoffnung und des Vertrauens.

Der zweite Teil des Gedichts zeigt die Wiederentdeckung des Glaubens durch Martin. Nachdem er von Marie auf die Unsterblichkeit Gottes hingewiesen wurde, kommt es zu einer Erleuchtung. Die Erkenntnis, dass Gott unsterblich ist, führt zur Wiederherstellung des Glaubens und der Hoffnung. Martin findet Trost und Kraft in der Gewissheit, dass Gott ihm helfen wird. Die abschließenden Zeilen, in denen Marie als Quelle des wiedergefundenen Vertrauens gefeiert wird, verdeutlichen die zentrale Botschaft des Gedichts: Der Glaube an Gott kann Hoffnung in Zeiten der Not spenden und zur Bewältigung von Krisen beitragen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.