Der liebe Gott ist tot

Julius Karl Reinhold Sturm

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Bei Meister Martin war die Not zu Haus, Aus jedem Winkel guckte sie heraus, Sie machte sich in Küch′ und Keller breit, Sie aß am leeren Tisch zur Mittagszeit Und legte selbst am Abend schadenfroh Sich mit den Müden auf die Schütte Stroh. Und ob′s der Meister noch so emsig trieb, Arbeitend halbe Nächte munter blieb, Umsonst, es wuchs die Not mit jedem Tag, Und mutlos ward der Meister allgemach, Ließ ruhn die fleiß′ge Hand und seufzte schwer Und wankte wie ein Schatten bleich umher. Und mahnte ihn sein Weib, auf Gott zu trau′n, Zog er zusammen finstrer noch die Brau′n Und brummte: “Weib, laß mir das Trösten sein, Uns kann vom Elend nur der Tod befrei′n.” Da schwieg die Frau und sprach kein Wörtlein mehr Und wankte wie ein Schatten bleich umher, Saß müßig an dem Rocken stundenlang Tief in Gedanken still und seufzte bang. Da sprach der Mann: “Was fehlt dir nur, Marie?” Und als sie schwieg, drang er noch mehr in sie, Sie solle ihm ihr Leiden doch gestehn, Er könne sie nicht mehr so traurig sehn. Und sie darauf: “Ach, in verwichner Nacht Hat mir ein Traum das Herz so schwer gemacht! Ja, bester Mann, ich will dir′s nur gestehn, Ich hab′ im Traum den lieben Gott gesehn, Er lag im Sarg, sein Haar war silberweiß, Und weinend standen Engel rings im Kreis; Der Helfer starb, nie endet unsre Not, Der liebe Gott, - der liebe Gott ist tot.” Da lächelte der Mann nach langer Zeit Zum ersten Mal und sprach mit Freundlichkeit: “Ei, ei, Marie, wie du so töricht bist! Weißt du denn nicht, daß Gott unsterblich ist, Daß er, erhaben über Raum und Zeit, Regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit?” “Wie?” - sprach die Frau - “so glaubst du, lieber Mann, Daß Gott im Himmel niemals sterben kann, Daß er derselbe bleibet fort und fort, Und wählest ihn doch nicht zu deinem Hort, Und setzest deine Hoffnung nicht auf ihn, Des Hilfe stets zur rechten Zeit erschien?” Da fiel′s wie Schuppen von des Mannes Geist. “Ja, Gott ist treu, er hält, was er verheißt! Dank, liebes Weib, du wecktest mein Vertraun, Auf Gottes Hilfe will ich freudig baun, Und zag′ ich jemals wieder in der Not, Dann frag′ mich nur: “Ist denn der Herrgott tot?”

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Illustration zu Der liebe Gott ist tot

Interpretation

Das Gedicht "Der liebe Gott ist tot" von Julius Karl Reinhold Sturm schildert die Not und Verzweiflung einer Handwerkerfamilie. Der Meister Martin und seine Frau Marie leiden unter Armut und Arbeitslosigkeit, was ihre Lebensfreude und Hoffnung schwinden lässt. Martin resigniert und verzweifelt, während Marie in einem Traum Gott im Sarg liegen sieht, was ihre Angst und Trauer verstärkt. Die Frau erzählt ihrem Mann von ihrem Traum, in dem Gott gestorben ist. Dies führt zu einer tiefgreifenden Auseinandersetzung zwischen den beiden. Martin, der bisher den Glauben an Gott verloren hat, reagiert überraschend positiv auf die Nachricht. Er erkennt, dass Gott unsterblich ist und ewig regiert. Marie hingegen wirft ihm vor, dass er zwar an die Unsterblichkeit Gottes glaubt, aber nicht auf ihn als Hort und Hoffnung setzt. Durch das Gespräch mit seiner Frau erwacht Martins Glaube wieder. Er erkennt, dass Gott treu ist und seine Versprechen hält. Er beschließt, wieder auf Gottes Hilfe zu vertrauen und sich in schwierigen Zeiten daran zu erinnern, dass Gott nicht tot ist. Das Gedicht vermittelt eine Botschaft der Hoffnung und des Glaubens, dass selbst in den dunkelsten Stunden der Glaube an Gott Trost und Stärke spenden kann.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Da fiel's wie Schuppen von des Mannes Geist
Personifikation
Aus jedem Winkel guckte sie heraus
Symbolik
Ist denn der Herrgott tot?