Der Liebe Dauer
1876O lieb’ so lang’ du lieben kannst! O lieb’ so lang’ du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst!
Und sorge, daß dein Herze glüht Und Liebe hegt und Liebe trägt, So lang’ ihm noch ein and’res Herz In Liebe warm entgegenschlägt!
Und wer dir seine Brust erschließt, O tu’ ihm, was du kannst, zu lieb! Und mach’ ihm jede Stunde froh, Und mach’ ihm keine Stund trüb!
Und hüte deine Zunge wohl, Bald ist ein böses Wort gesagt! O Gott, es war nicht bös’ gemeint - Der And’re aber geht und klagt.
O lieb’, so lang’ du lieben kannst! O lieb’, so lang’ du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst!
Dann kniest du nieder an der Gruft Und birgst die Augen, trüb und naß, Sie seh’n den Andern nimmermehr - In’s lange, feuchte Kirchhofsgras.
Und sprichst: O schau auf mich herab, Der hier an deinem Grabe weint! Vergib, daß ich gekränkt dich hab’! O Gott, es war nicht bös’ gemeint!
Er aber sieht und hört dich nicht, kommt nicht, daß du ihn froh empfängst; Der Mund, der oft dich küßte, spricht Nie wieder: Ich vergab dir längst!
Er tat’s, vergab dir lange schon, Doch manche heiße Träne fiel Um dich und um dein herbes Wort. Doch still - er ruht und ist am Ziel!
O lieb’, so lang’ du lieben kannst! O lieb’, so lang’ du lieben magst! Die Stunde kommt, die Stunde kommt, Wo du an Gräbern stehst und klagst!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Liebe Dauer" von Ferdinand Freiligrath ist eine tiefgründige Reflexion über die Vergänglichkeit der Liebe und die Bedeutung des bewussten Liebens. Der Dichter appelliert an den Leser, solange wie möglich zu lieben und zu sorgen, dass das Herz voller Liebe ist, solange es ein anderes Herz gibt, das mit Liebe erwidert. In den folgenden Strophen betont Freiligrath die Wichtigkeit, dem geliebten Menschen Freude zu bereiten und ihn nicht zu kränken. Er warnt vor den Folgen eines verletzenden Wortes, das schnell gesagt sein kann, aber lange nachhallt. Der Dichter mahnt zur Vorsicht mit der Zunge und zur Achtsamkeit im Umgang miteinander. Die letzte Strophe des Gedichts verdeutlicht die Endlichkeit der Liebe und die Reue, die nach dem Verlust eines geliebten Menschen aufkommen kann. Der Sprecher kniet am Grab nieder und bittet um Vergebung für verletzende Worte, die in der Hitze des Gefechts gesagt wurden. Doch der Geliebte kann nicht mehr hören und sieht den Weinenden nicht an. Die Liebe ist nun für immer verstummt und der Geliebte ruht in Frieden. Insgesamt vermittelt das Gedicht die Botschaft, die Liebe bewusst zu leben und zu schätzen, solange sie besteht. Es ermutigt dazu, jeden Moment der Liebe zu genießen und achtsam miteinander umzugehen, da die Zeit der Liebe begrenzt ist und eines Tages Reue über verpasste Gelegenheiten aufkommen kann.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- bitter und bös'
- Anapher
- O lieb' so lang' du lieben kannst! / O lieb' so lang' du lieben magst!
- Antithese
- Doch manche heiße Träne fiel / Um dich und um dein herbes Wort
- Chiasmus
- Er aber sieht und hört dich nicht, / kommt nicht, daß du ihn froh empfängst
- Enjambement
- Sie seh'n den Andern nimmermehr - / In's lange, feuchte Kirchhofsgras
- Epipher
- Die Stunde kommt, die Stunde kommt, / Wo du an Gräbern stehst und klagst!
- Hyperbel
- Und mach' ihm jede Stunde froh, / Und mach' ihm keine Stund trüb
- Kontrast
- O Gott, es war nicht bös' gemeint - / Der And're aber geht und klagt
- Metapher
- Wo du an Gräbern stehst und klagst
- Parallelismus
- O lieb' so lang' du lieben kannst! / O lieb' so lang' du lieben magst!
- Personifikation
- Die Stunde kommt
- Rhetorische Frage
- O schau auf mich herab, / Der hier an deinem Grabe weint!