Der letzte Traum
(zum Gedenken an Detlev v. Liliencron)
Es war am sechsten Abend, und Gott sprach:
Alles ist gut geworden. Alles. Nur
der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich.
Er möchte ewig leben, ewig träumen.
Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! –
Es war am sechsten Abend, und ein Dichter
sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch?
Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert,
er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen,
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen
durch eine fremde, unerschöpflich fremde,
traumvolle Welt – er stammelte:
Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du?
Alles war gut. Nur Ich – was ist mit mir?
Ich seh da immer Menschenscharen ziehn –
da an der Wand – Heerscharen – Kriegerscharen –
von Land zu Land mit mir – Erobrerscharen –
von Stern zu Stern – zur Schlacht – Schlachtopferscharen –
im Traum – sie opfern sich für Gott hin – hörst du?
die ganze Welt hin – sich hin – mich hin – Gott! –
Wenn ich nur endlich schlafen könnte – schlafen – –
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der letzte Traum“ von Richard Dehmel ist eine ergreifende Auseinandersetzung mit den Themen Tod, Schöpfung und der Suche nach Erlösung. Es zeichnet sich durch eine komplexe Struktur aus, in der zwei Perspektiven – die Gottes und die eines sterbenden Dichters – miteinander verwoben werden. Die Verwendung des „sechsten Abends“ deutet auf die Schöpfungsgeschichte an, was die existenzielle Frage nach dem Wesen des Menschen und seinem Verhältnis zur göttlichen Ordnung aufwirft.
Die erste Strophe, in der Gott spricht, präsentiert eine scheinbar vollendete Schöpfung. Gott konstatiert „Alles ist gut geworden. Alles. Nur / der Mensch: was ist der Mensch?“. Diese Frage deutet auf eine Diskrepanz hin: Während die Schöpfung als vollkommen gilt, scheint der Mensch, als Träumer und Suchender, aus dieser Harmonie herauszufallen. Gottes Wunsch nach Schlaf am Ende der Strophe zeugt von einer Erschöpfung, einer Sehnsucht nach Ruhe und dem Ende des ewigen Träumens, welches er dem Menschen zuschreibt.
Die zweite Strophe, die den sterbenden Dichter zeigt, spiegelt die innere Zerrissenheit des Menschen wider. Der Dichter, der „auf dem Sterbebett“ liegt, wiederholt die Frage nach dem Wesen des Menschen. Seine Visionen, die „Heerscharen“, „Kriegerscharen“ und „Erobrerscharen“ umfassen, deuten auf die Unruhe, den Kampf und die Zerstörung, die der Mensch in die Welt bringt. Diese Bilder stehen im starken Kontrast zur vermeintlichen Ruhe und Vollkommenheit der Schöpfung. Die wiederholte Frage „Was ist mit mir?“ und der Wunsch nach Schlaf, die auch Gott hegt, verdeutlichen die gemeinsame Sehnsucht nach Ruhe und Frieden.
Das Gedicht kulminiert in der Erkenntnis des Dichters, der sich und die Welt für Gott opfern sieht. Dies könnte als eine metaphorische Darstellung des Leidens und der Opferbereitschaft des Menschen verstanden werden, aber auch als eine Kritik an der Weltordnung, in der Zerstörung und Krieg als vermeintliche Opfer für Gott legitimiert werden. Der Wunsch nach Schlaf am Ende unterstreicht die Erschöpfung und die Sehnsucht nach Erlösung, die sowohl den göttlichen Schöpfer als auch den sterbenden Dichter eint. Es ist ein tiefgründiges Gedicht, welches die großen Fragen nach dem Sinn des Lebens, dem Verhältnis von Mensch und Gott und dem Wesen des Träumens aufwirft.
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Lizenz und Verwendung
Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.