Der letzte Traum

Richard Dehmel

1863

(zum Gedenken an Detlev v. Liliencron)

Es war am sechsten Abend, und Gott sprach: Alles ist gut geworden. Alles. Nur der Mensch: was ist der Mensch? Er träumt wie Ich. Er möchte ewig leben, ewig träumen. Wenn ich nur schlafen könnte! endlich schlafen! -

Es war am sechsten Abend, und ein Dichter sprach auf dem Sterbebett: Was ist der Mensch? Er hielt die Hand des liebsten Freunds umklammert, er wollt ihn ansehn mit den Schöpferaugen, sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen durch eine fremde, unerschöpflich fremde, traumvolle Welt - er stammelte:

Sechs Tage keinen Schlaf. Nur Träume. Hörst du? Alles war gut. Nur Ich - was ist mit mir? Ich seh da immer Menschenscharen ziehn - da an der Wand - Heerscharen - Kriegerscharen - von Land zu Land mit mir - Erobrerscharen - von Stern zu Stern - zur Schlacht - Schlachtopferscharen - im Traum - sie opfern sich für Gott hin - hörst du? die ganze Welt hin - sich hin - mich hin - Gott! - Wenn ich nur endlich schlafen könnte - schlafen - -

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Illustration zu Der letzte Traum

Interpretation

Das Gedicht "Der letzte Traum" von Richard Dehmel beschäftigt sich mit den existenziellen Fragen des Menschen und seiner Beziehung zu Gott und der Schöpfung. Es setzt sich mit der Idee auseinander, dass der Mensch, ähnlich wie Gott, träumt und nach Unsterblichkeit strebt. Das Gedicht beginnt mit einer Reflexion Gottes über seine Schöpfung, wobei er feststellt, dass alles gut geworden ist, nur der Mensch eine Ausnahme bildet. Der Mensch träumt wie Gott und möchte ewig leben und träumen, was auf eine tiefe Sehnsucht nach Unsterblichkeit und ewiger Existenz hindeutet. Der zweite Teil des Gedichts wechselt die Perspektive zu einem sterbenden Dichter, der sich ebenfalls mit der Frage nach dem Wesen des Menschen auseinandersetzt. Der Dichter, der sechs Tage lang keinen Schlaf gefunden hat und nur geträumt hat, befindet sich in einem Zustand der Verwirrung und Erschöpfung. Er hält die Hand seines besten Freundes, in der Hoffnung, ihn mit den Augen des Schöpfers zu sehen, doch seine Blicke irren durch ihn hindurch wie die eines Säuglings durch eine fremde, unerschöpfliche und traumvolle Welt. Der Dichter sieht Menschenscharen, die von Land zu Land und von Stern zu Stern ziehen, Erobrerscharen und Schlachtopferscharen, die sich im Traum für Gott opfern. Diese Visionen deuten auf die Unruhe und das ständige Streben des Menschen hin, das oft in Konflikt und Opferung mündet. Das Gedicht endet mit dem verzweifelten Wunsch des Dichters, endlich schlafen zu können, was als Sehnsucht nach Erlösung und Frieden interpretiert werden kann. Der wiederholte Ruf "Gott!" am Ende des Gedichts unterstreicht die tiefe Verzweiflung und die Suche nach göttlicher Hilfe. Insgesamt reflektiert "Der letzte Traum" die menschliche Existenz als einen endlosen Traum, der von Sehnsucht, Unruhe und dem Streben nach Unsterblichkeit geprägt ist, und stellt die Frage nach dem Sinn und Zweck des Lebens in den Mittelpunkt.

Schlüsselwörter

hin schlafen gott mensch sechsten abend sprach gut

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
von Land zu Land mit mir - Erobrerscharen - von Stern zu Stern
Anapher
Alles ist gut geworden. Alles.
Hyperbel
die ganze Welt hin - sich hin - mich hin - Gott!
Metapher
Er träumt wie Ich
Personifikation
Es war am sechsten Abend, und Gott sprach
Rhetorische Frage
Was ist der Mensch?
Vergleich
sie irrten durch ihn hin wie Säuglingsaugen