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Der letzte Gruß

Von

Ich kam vom Walde hernieder,
Da stand noch das alte Haus,
mein Liebchen, sie schaute wieder
Wie sonst zum Fenster hinaus.

Sie hat einen andern genommen,
Ich war draußen in Schlacht und Sieg,
Nun ist alles anders gekommen,
Ich wollt‘, es wär‘ wieder erst Krieg.

Am Wege dort spielte ihr Kindlein,
Das glich ihr recht auf ein Haar,
Ich küßt′s auf sein rotes Mündlein:
„Gott segne dich immer dar!“

Sie aber schaute erschrocken
Noch lange Zeit nach mir hin,
Und schüttelte sinnend die Locken,
Und wußte nicht wer ich bin.

Da droben hoch stand ich am Baume,
Da rauschten die Wälder so sacht,
Mein Waldhorn, das klang wie im Traume
Hinüber die ganze Nacht.

Und als die Vögelein sangen
Frühmorgens, sie weinte so sehr,
Ich aber war weit schon gegangen,
Nun sieht sie mich nimmermehr!

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Gedicht: Der letzte Gruß von Joseph von Eichendorff

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der letzte Gruß“ von Joseph von Eichendorff erzählt von der schmerzlichen Rückkehr eines Mannes an den Ort seiner einstigen Liebe und dem Verlust dieser Liebe. Der Erzähler kehrt nach langer Abwesenheit, verursacht durch Krieg und Sieg, in sein Heimatdorf zurück, um festzustellen, dass seine Geliebte einen anderen Mann geheiratet und ein Kind bekommen hat. Diese Erkenntnis, die in den ersten beiden Strophen präsentiert wird, markiert den Kern des Gedichts: Die Erwartungen des Erzählers an die Vergangenheit, die durch das Bild des alten Hauses und der Liebsten am Fenster evoziert werden, prallen hart auf die Realität der Gegenwart.

Die Reaktion des Erzählers ist von tiefer Melancholie und Enttäuschung geprägt. Er küsst das Kind der Geliebten, das ihn an sie erinnert, und wünscht ihm Gottes Segen, ein Akt der Akzeptanz und Verabschiedung. Die Frau selbst reagiert mit Erschrecken und Unglauben, sie erkennt ihn nicht, was die Kluft zwischen Vergangenheit und Gegenwart, zwischen der geteilten Erinnerung und der neuen Realität, noch verstärkt. Dieser Moment der Entfremdung ist besonders ergreifend und verdeutlicht das endgültige Scheitern der Beziehung. Die vierte Strophe unterstreicht das Unverständnis und die Distanz, die zwischen den beiden Personen nun besteht.

Die letzten beiden Strophen sind von einer suggestiven Naturbetrachtung geprägt. Der Erzähler zieht sich in die Natur zurück, von wo er seine Abschiedsgrüße mit dem Waldhorn über die Nacht hinweg ertönen lässt. Der Klang des Horns, der wie ein Traum erscheint, vermittelt die tiefe Trauer und den Schmerz des Erzählers, der sich von der Vergangenheit verabschiedet. Das Weinen der Geliebten am darauffolgenden Morgen, als die Vögel singen, deutet auf ein tiefes Bedauern hin, doch der Erzähler ist bereits auf dem Weg in die Ferne, für immer getrennt von seiner einstigen Liebe.

Eichendorff nutzt in diesem Gedicht eine einfache, aber ausdrucksstarke Sprache, die die emotionalen Tiefen des Erlebens vermittelt. Die Natur spielt eine wichtige Rolle als Spiegel der Gefühle des Erzählers und als Kulisse für die tragische Geschichte. Das Gedicht thematisiert auf eindrucksvolle Weise die Themen Liebe, Verlust, Veränderung und Abschied, die in der Romantik eine zentrale Rolle spielten. Es ist ein bewegendes Zeugnis von der Unmöglichkeit, die Vergangenheit wiederzuerlangen und von der schmerzlichen Erfahrung des Verlustes.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.