Der Kuss

Wolfgang Borchert

1947

Es regnet - doch sie merkt es kaum, weil noch ihr Herz vor Glück erzittert: Im Kuss versank die Welt im Traum. Ihr Kleid ist nass und ganz zerknittert

und so verächtlich hochgeschoben, als wären ihre Knie für alle da. Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben, der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.

So tief hat sie noch nie gefühlt - so sinnlos selig müssen Tiere sein! Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt - Laternen spinnen sich drin ein.

Anhören

Das Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Illustration zu Der Kuss

Interpretation

Das Gedicht "Der Kuss" von Wolfgang Borchert erzählt von einem intensiven, fast transzendenten Moment der Liebe, der von äußeren Umständen unberührt bleibt. Die Protagonistin ist so sehr in ihrem Glück versunken, dass sie den Regen kaum wahrnimmt, der auf sie niederprasselt. Ihr Herz "erzittert" vor Glück, und die Welt versinkt in einem Traum, während sie geküsst wird. Dieser Moment ist so kraftvoll, dass er die Realität überlagert und die Protagonistin in eine andere Sphäre versetzt. Die äußere Erscheinung der Frau spiegelt die Intensität des Moments wider. Ihr Kleid ist durchnässt und zerknittert, hochgeschoben, als wäre es für alle sichtbar. Diese Offenheit und Verletzlichkeit unterstreicht die Tiefe ihrer Gefühle. Ein Regentropfen, der "zu Nichts zerstoben" ist, wird zum einzigen Zeugen dieses intimen Augenblicks, was die Einzigartigkeit und Vergänglichkeit des Moments betont. Die Frau fühlt sich "so tief" wie noch nie zuvor, und ihre Erfahrung wird mit der eines Tieres verglichen, das "sinnlos selig" ist. Dies deutet auf eine urtümliche, instinktive Freude hin, die über rationale Erklärung hinausgeht. Die abschließende Beschreibung ihres zerwühlten Haares, das wie ein Heiligenschein aussieht und in dem sich Laternen "einspinnen", verleiht dem Moment eine fast mystische Qualität. Der Heiligenschein assoziiert die Frau mit Heiligkeit und Reinheit, während die Laternen eine Verbindung zur städtischen Umgebung herstellen. Dieser Kontrast zwischen dem Heiligen und dem Profanen verstärkt die Idee, dass dieser Kuss ein außergewöhnliches Ereignis ist, das die Grenzen zwischen dem Alltäglichen und dem Transzendenten verwischt.

Schlüsselwörter

regnet merkt kaum herz glück erzittert kuss versank

Wortwolke

Wortwolke zu Der Kuss

Stilmittel

Bildsprache
Laternen spinnen sich drin ein.
Hyperbel
So tief hat sie noch nie gefühlt - so sinnlos selig müssen Tiere sein!
Metapher
Im Kuss versank die Welt im Traum.
Personifikation
Ein Regentropfen, der zu Nichts zerstoben, der hat gesehn, was niemand sonst noch sah.
Vergleich
Ihr Haar ist wie zu einem Heiligenschein zerwühlt