Der kühle Tag

Margarete Beutler

1876

O Tag, so kühl und sonnensatt hast du dich in die Welt geschmiegt! So kühl wie dieses Rosenblatt, das zwischen meinen Lippen liegt, so kühl wie jene Mädchenhand, die über meine Stirne ging, kühl wie ein seiden Nachtgewand, kühl wie ein weißer Schmetterling!

Was tu ich nun mit meiner Glut, die in die Sonne lechzt und drängt, wo du mit einer Schleierflut von Wolken mir das Licht verhängt? Trag ich nun still mit heißer Hand, recht wie ein wartekrankes Kind, mein rotes Herz durch müdes Land bis an den grauen Abendwind? -

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Illustration zu Der kühle Tag

Interpretation

Das Gedicht "Der kühle Tag" von Margarete Beutler thematisiert den Kontrast zwischen der äußeren Kühle des Tages und der inneren Glut des lyrischen Ichs. Der Tag wird als kühl und sonnensatt beschrieben, was eine gewisse Trägheit und Lethargie vermittelt. Das lyrische Ich hingegen sehnt sich nach Wärme und Licht, was sich in der Metapher der "Glut" ausdrückt, die "in die Sonne lechzt und drängt". Die Kühle des Tages wird durch verschiedene Vergleiche verdeutlicht, wie zum Beispiel mit einem Rosenblatt, einer Mädchenhand, einem seidenen Nachtgewand oder einem weißen Schmetterling. Diese Vergleiche vermitteln ein Gefühl von Sanftheit und Zartheit, aber auch von Kälte und Abgeklärtheit. Das lyrische Ich fühlt sich von dieser Kühle überwältigt und fragt sich, was es nun mit seiner inneren Glut anfangen soll, da der Tag mit einer "Schleierflut von Wolken" das Licht verdeckt. Das lyrische Ich beschließt, seine innere Glut mit sich zu tragen und geduldig auf einen Wandel zu warten. Es vergleicht sich selbst mit einem "wartekranken Kind", das sein "rotes Herz" durch ein müdes Land bis zum grauen Abendwind trägt. Dieses Bild vermittelt ein Gefühl von Einsamkeit, Sehnsucht und Hoffnungslosigkeit. Das lyrische Ich scheint resigniert zu sein und akzeptiert die Kühle des Tages als unveränderliche Tatsache, auch wenn es innerlich darunter leidet.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Bildsprache
mein rotes Herz durch müdes Land bis an den grauen Abendwind
Kontrast
Was tu ich nun mit meiner Glut, die in die Sonne lechzt und drängt
Metapher
mit einer Schleierflut von Wolken
Personifikation
hast du dich in die Welt geschmiegt
Vergleich
recht wie ein wartekrankes Kind