Der Krieg
1901Aus Plewna wandert ein Geisterzug, Die türkischen Helden gefangen, In Fetzen und barfuss, von Hunger verzehrt, Die Glieder schlottern und hangen.
Viel Tausende wanken wie Schatten dahin, Zur Donau ziehen die Armen, Die nächtlichen Wolken durchheult der Wind, Laut brüllend, wie Schlachtenerbarmen.
In lautloser Stille, so wandern sie hin Durch schneeverdichtete Fluren, Bedeckt mit Leichen - die Raben und Kräh’n Verkünden der Fallenden Spuren.
Nur Leichen liegen von Plewna hin Zur Donau in Reihen gesäet, Ein grässlich’ Schlachtfeld, wo Ross und Mann Am Wagen erfroren, verwehet.
Die Wandernden schreien um Hülfe noch, Dann knien sie, beten stille, Mit ihren Armen gen Morgenland, Und sterben -’s ist Allahs Wille.
Von Plewna zur Donau, wer Kräfte hat, Vollendet die grausige Reise, Da glitzert düster im Abendrot Nicropolis, starrend von Eise.
Und rings ertönt ein Heulen und Schrei’n: “O wollet uns Speise doch geben! Was habt Ihr nicht lieber erschossen uns gleich!” Die Lüfte, die eisigen, beben.
Zehntausend Gefangene schreien nach Brot, Kein Brot ist zur Stunde zu haben, Und markerschütternd durchtobt der Schrei Die Straßen, die Wälle, den Graben.
Zehntausend liegen in jener Nacht Verhungernd, mit sterbendem Munde, Die Sieger sind selber von Tod bedroht - Kein Brot! und nur Eis in der Runde!
Kein Brot! Und von jenseits da winkt das Land, In dem lange verheißenen Frieden, Doch hat sie die Donau mit krachendem Eis In gewaltigen Massen geschieden.
Kein Brot! und es frieret in jener Nacht, Als hätte Natur sich geschworen, Den beiden Heeren den Untergang, Fast waren sie alle verloren.
Doch endlich grauet der Tag, es kann Die Panzerbarkasse nun wagen, Vom Eis getragen! ein wenig Brot Zu gemarterten Helden zu tragen.
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Interpretation
Das Gedicht "Der Krieg" von Carmen Sylva schildert das grausame Schicksal türkischer Gefangener, die aus Plewna nach der Donau wandern. Die Männer sind ausgehungert, in Fetzen gekleidet und barfuß unterwegs. In einer endlosen Prozession ziehen sie durch die verschneite Landschaft, begleitet von den Klagen des Windes. Die Toten säumen ihren Weg, von Raben und Krähen angekündigt. In Nicropolis angekommen, schreien die Gefangenen nach Brot. Doch es gibt nichts zu essen, selbst die Sieger sind vom Hungertod bedroht. Die Donau trennt sie vom verheißenen Land des Friedens, ihr Fluss ist zugefroren. In jener Nacht erfrieren und verhungern Zehntausende. Die Natur scheint den Untergang beider Heere beschlossen zu haben. Erst am nächsten Morgen wagt sich eine Panzerbarkasse durch das Eis, um den gemarterten Helden ein wenig Brot zu bringen. Das Gedicht zeichnet ein erschütterndes Bild von den Gräueln des Krieges und dem Schicksal der Gefangenen. Es thematisiert das Leiden der Menschen, die Kälte und den Hunger, die Trennung vom geliebten Heimatland und die scheinbare Gleichgültigkeit der Natur gegenüber dem menschlichen Schicksal.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Die Glieder schlottern und hangen
- Anapher
- Kein Brot! und es frieret in jener Nacht
- Bildsprache
- Die Panzerbarkasse nun wagen
- Hyperbel
- Zehntausend Gefangene schreien nach Brot
- Kontrast
- Die Sieger sind selber von Tod bedroht
- Metapher
- Aus Plewna wandert ein Geisterzug
- Personifikation
- Die nächtlichen Wolken durchheult der Wind
- Symbolik
- Zur Donau ziehen die Armen
- Vergleich
- Viel Tausende wanken wie Schatten dahin