Der Kranz

Wilhelm Müller

1906

Sie war kaum aus dem Kinderkleid, Das Mieder war ihr noch zu weit, Da liefen schon am hellen Tag Ihr alle flinke Bursche nach. Sie ließ es ohne Zank geschehn, Hat sich auch manchmal umgesehn.

Die Mutter sprach: »Nimm dich in acht! Schon manche Dirne hat′s gebracht Um′s grüne Kränzchen in dem Haar, Daß sie im Dorf die Schönste war.« Da fiel es erst der Tochter ein: »Sollt ich denn wohl die Schönste sein?«

Nach einer Quelle tät sie spähn, Sie wollte sich darin besehn, In manche guckte sie hinein, Doch keine war recht klar und rein; Da kam ein Jäger frank und frei, Und sagt′ es ihr, wie schön sie sei.

Und siehe, schon im andern Jahr Hat sie den grünen Kranz im Haar, Hat sie den grünen Mann im Arm, Hat sie im Hause Reigenschwarm; Da lacht sie keck der Alten zu: »Nun, Mutter, sag, was meintest du?«

Die Mutter sprach: »Nimm dich in acht!« Und ach, noch in derselben Nacht Fiel ihr das Kränzchen aus dem Haar; Da seufzte sie: »Es ist doch wahr!« Und fragte nie die Mutter mehr, Wie′s mit dem Kranz gemeinet wär.

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Illustration zu Der Kranz

Interpretation

Das Gedicht "Der Kranz" von Wilhelm Müller erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das von vielen Jungen umworben wird, während es noch im Kinderkleid steckt. Die Mutter warnt es vor den Gefahren, zu schnell zu reifen und ihre Schönheit zur Schau zu stellen. Das Mädchen beginnt, sich selbst als die Schönste zu betrachten und sucht nach Bestätigung in Spiegelungen in Quellen. Ein Jäger lobt ihre Schönheit, und im nächsten Jahr trägt sie den grünen Kranz im Haar, hat einen Mann an ihrer Seite und ein Kind im Haus. Die Mutter warnt erneut, doch in derselben Nacht fällt ihr das Kränzchen aus dem Haar, und sie seufzt, dass es wahr ist. Sie fragt nie wieder nach der Bedeutung des Kranzes. Das Gedicht thematisiert den Übergang vom Mädchen zur Frau und die damit verbundenen Veränderungen. Die Mutter warnt das Mädchen vor den Gefahren, zu schnell zu reifen und ihre Schönheit zur Schau zu stellen. Das Mädchen beginnt, sich selbst als die Schönste zu betrachten und sucht nach Bestätigung in Spiegelungen in Quellen. Ein Jäger lobt ihre Schönheit, und im nächsten Jahr trägt sie den grünen Kranz im Haar, hat einen Mann an ihrer Seite und ein Kind im Haus. Die Mutter warnt erneut, doch in derselben Nacht fällt ihr das Kränzchen aus dem Haar, und sie seufzt, dass es wahr ist. Sie fragt nie wieder nach der Bedeutung des Kranzes. Das Gedicht endet mit der Erkenntnis des Mädchens, dass die Warnungen der Mutter berechtigt waren. Der grüne Kranz im Haar symbolisiert ihre Schönheit und Jugend, die schnell verblüht sind. Das Mädchen hat durch ihre Eile, erwachsen zu werden, die Unschuld und Unbeschwertheit der Jugend verloren. Die Mutter warnt erneut, doch es ist zu spät. Das Gedicht vermittelt die Botschaft, dass man die Jugend und Unschuld nicht überstürzen sollte, da sie schnell vergehen und nicht wiedererlangt werden können.

Schlüsselwörter

mutter haar sprach nimm acht manche kränzchen schönste

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Sie war kaum aus dem Kinderkleid
Ironie
Nun, Mutter, sag, was meintest du?
Kontrast
Sie ließ es ohne Zank geschehn, Hat sich auch manchmal umgesehn
Metapher
Um's grüne Kränzchen in dem Haar
Personifikation
Da liefen schon am hellen Tag Ihr alle flinke Bursche nach
Symbolik
grüner Kranz im Haar