Der Kranke

Wilhelm Hauff

1820

Zitternd auf der Berge Säume Fällt der Sonne letzter Strahl, Eingewiegt in düstre Träume Blickt der Kranke in das Tal. Sieht der Wolken schnelles Jagen Durch das trübe Dämmerlicht - Ach des Busens stille Klagen Tragen ihn zur Heimat nicht! Und mit glänzendem Gefieder Zog die Schwalbe durch die Luft, Nach der Heimat zog sie wieder, Wo ein milder Himmel ruft; Und er hört ihr fröhlich Singen, Sehnsucht füllt des Armen Blick, Ach! er sah sie auf sich schwingen, Und sein Kummer bleibt zurück. Schöner Fluß mit blauem Spiegel, Hörst du seine Klagen nicht? Sag es seiner Heimat Hügel, Daß des Kranken Busen bricht. Aber kalt rauscht er vom Strande Und entrollt ins stille Tal, Schweiget in der Heimat Lande Von des Kranken stiller Qual. Und der Arme stützt die Hände An das müde, trübe Haupt; Eins ist noch, wohin sich wende Der, dem aller Trost geraubt; Schlägt das blaue Auge wieder Mutig auf zum Horizont, Immer stieg ja Trost hernieder Dorther, wo die Liebe wohnt. Und es netzt die blassen Wangen Heil′ger Sehnsucht stiller Quell, Und es schweigt das Erdverlangen, Und das Auge wird ihm hell: Nach der ew′gen Heimat Lande Strebt sein Sehnen kühn hinauf; Sehnsucht sprengt der Erde Bande, Psyche schwingt zum Licht sich auf.

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Illustration zu Der Kranke

Interpretation

Das Gedicht "Der Kranke" von Wilhelm Hauff beschreibt die emotionale und physische Verfassung eines kranken Menschen, der auf einem Berg liegt und in das Tal blickt. Die düstere Stimmung wird durch das Bild des untergehenden Sonnenlichts und der dunklen Träume des Kranken verstärkt. Der Kranke sehnt sich nach seiner Heimat, doch seine stille Klage trägt ihn nicht dorthin. Die Schwalbe, die mit ihrem glänzenden Gefieder durch die Luft zieht und in ihre Heimat fliegt, symbolisiert die Freiheit und die Sehnsucht nach einem besseren Ort. Der Kranke hört ihr fröhliches Singen und fühlt eine tiefe Sehnsucht, doch sein Kummer bleibt zurück. Die Natur um den Kranken herum, wie der schöne Fluss mit seinem blauen Spiegel, scheint seine Klagen nicht zu hören. Der Fluss rauscht kalt und schweigt über das Land, ohne von der stillen Qual des Kranken zu berichten. Der Kranke stützt seine müden Hände an sein trübes Haupt und sucht Trost. Doch es gibt noch einen Ort, wohin er sich wenden kann: den Horizont, wo die Liebe wohnt. Die heilige Sehnsucht nach der ewigen Heimat treibt ihn an, und seine Psyche strebt mutig nach oben, um das Licht zu erreichen.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Metapher
Psyche schwingt zum Licht sich auf
Personifikation
Und es netzt die blassen Wangen