Der kranke Aar
1844Am dürren Baum, im fetten Wiesengras Ein Stier behaglich wiederkäut′ den Fraß; Auf niederm Ast ein wunder Adler saß, Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen.
“Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft, Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.” - “Weh, weh, umsonst die Sonne ruft Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!”
“O Vogel, warst so stolz und freventlich Und wolltest keine Fessel ewiglich!” - “Weh, weh, zu viele über mich, Und Adler all, - brachen mir die Schwingen!”
“So flattre in dein Nest, vom Aste fort, Dein Ächzen schier die Kräuter mir verdorrt.” - “Weh, weh, kein Nest hab′ ich hinfort, Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!”
“O Vogel, wärst du eine Henne doch, Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.” - “Weh, weh, viel lieber ein Adler noch, Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!”
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Interpretation
Das Gedicht "Der kranke Aar" von Annette von Droste-Hülshoff erzählt die tragische Geschichte eines kranken Adlers, der einst stolz und frei durch die Lüfte schwebte, nun aber gebrochene Schwingen hat und am Boden gefangen ist. Der Adler befindet sich auf einem dürren Baum, während ein Stier friedlich auf der Wiese grast. Der Stier versucht, den Adler zu ermutigen, wieder in die Lüfte aufzusteigen, doch der Adler antwortet mit Verzweiflung und Klagen. Der Adler erklärt, dass die Sonne vergeblich ruft, da er aufgrund seiner gebrochenen Schwingen nicht mehr fliegen kann. Er klagt über zu viele Feinde und Angriffe, die ihm seine Flügel zerbrochen haben. Der Adler hat kein Nest mehr, in das er sich zurückziehen kann, und fühlt sich verbannt und allein. Der Stier schlägt vor, dass der Adler froh sein sollte, eine Henne zu sein, da er dann ein gemütliches Nest im Ofenloch hätte. Doch der Adler antwortet, dass er lieber ein Adler mit gebrochenen Schwingen wäre, als eine Henne ohne Freiheit und Stolz. Das Gedicht endet mit der traurigen Erkenntnis des Adlers, dass er seine Freiheit und Unabhängigkeit verloren hat und nun in Gefangenschaft leben muss. Die Metapher des Adlers steht für einen Menschen, der einst mächtig und frei war, aber durch äußere Einflüsse geschwächt und gebrochen wurde. Das Gedicht thematisiert den Verlust von Freiheit, Stolz und Unabhängigkeit und die damit einhergehende Verzweiflung und Einsamkeit.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Weh, weh, umsonst die Sonne ruft
- Anapher
- Weh, weh, zu viele über mich
- Bildsprache
- Steig auf, mein Vogel, in die blaue Luft
- Ironie
- O Vogel, wärst du eine Henne doch, Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.
- Kontrast
- Ein Stier behaglich wiederkäut′ den Fraß; Auf niederm Ast ein wunder Adler saß
- Metapher
- Am dürren Baum, im fetten Wiesengras
- Personifikation
- Die Sonne ruft den kranken Aar
- Vergleich
- Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!