Der Komet
Der Stern, der bei der Venus steht,
schau, Mädchen, und begreif:
Der neue Stern ist ein Komet.
Kühn spreizt sich ihm der Schweif.
Es staunt der Mond: Was will der Wicht
mit seinem langen Schwanz?
Mich dünkt das ganze Himmelslicht
erstrahlt in jungem Glanz.
Schau, Mädchen, wie der Mond von Gift
und Eifersucht sich bläht,
weil des Kometen starke Schrift
am Himmel Sünden sät.
Es glitzert Venus, Juno lacht,
Uranus aber zwinkt,
wenn dieser Neuling Nacht für Nacht
mit seinem Zierat winkt.
Bald sinkt er wieder in den Raum.
Dann kommt er nur noch fern
der Venus manchmal in den Traum
und manchem andern Stern.
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Kurze Interpretation des Gedichts
Das Gedicht „Der Komet“ von Erich Mühsam ist eine verspielte und leicht ironische Betrachtung über einen neu auftauchenden Kometen und seine Auswirkungen auf das Himmelsgeschehen, die gleichzeitig menschliche Emotionen und Verhaltensweisen widerspiegelt. Das Gedicht wendet sich direkt an ein „Mädchen“ und lädt es ein, die Szenerie zu beobachten und zu verstehen, wobei der Komet als Protagonist fungiert, der sowohl Faszination als auch Reaktionen in den anderen Himmelskörpern auslöst.
Die erste Strophe beschreibt den Kometen als einen „neuen Stern“, der kühn seinen Schweif spreizt, was auf eine selbstbewusste und vielleicht auch provokante Erscheinung hindeutet. Die Reaktion des Mondes, der in der zweiten Strophe staunt und sich fragt, was der Komet bezweckt, deutet auf Neugier und möglicherweise auch auf Misstrauen hin. Die Verwendung des Wortes „Wicht“ für den Kometen offenbart eine gewisse Geringschätzung, was die Konkurrenz zwischen den Himmelskörpern andeutet. Gleichzeitig wird die Schönheit und der Glanz des Himmels durch das Erscheinen des Kometen betont, was eine ambivalente Haltung gegenüber dem neuen Himmelskörper erkennen lässt.
Die dritte Strophe ist von einer dunkleren Stimmung geprägt. Der Mond ist von „Gift und Eifersucht“ erfüllt, und der Komet wird als jemand dargestellt, der „Sünden sät“. Dies verweist auf die menschliche Neigung zu Neid und Missgunst, die durch die Ankunft des Kometen geweckt werden. Die letzte Strophe zeigt eine Reaktion aus der höheren Riege der Planeten. Venus strahlt, Juno lacht und Uranus zwinkert, was die vielschichtige Reaktion auf den Kometen widerspiegelt: von Bewunderung und Amüsement bis hin zu einer gewissen Distanziertheit.
Das Gedicht endet mit einer melancholischen Note. Der Komet, der „bald sinkt“ und nur noch in Träumen erscheint, symbolisiert die Vergänglichkeit von Ruhm und Aufmerksamkeit. Dies erinnert an das Schicksal vieler Menschen, die kurzzeitig im Rampenlicht stehen, aber dann wieder in der Anonymität verschwinden. Mühsams Gedicht ist daher nicht nur eine Beschreibung eines astronomischen Ereignisses, sondern auch eine kritische Reflexion über menschliche Eitelkeiten, Eifersucht und die Flüchtigkeit des Erfolgs, verpackt in eine leicht verständliche und poetische Form.
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Lizenz und Verwendung
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