Der König
1875Der König ist sechzehn Jahre alt. Sechzehn Jahre und schon der Staat. Er schaut, wie aus einem Hinterhalt,
vorbei an den Greisen vom Rat in den Saal hinein und irgendwo hin und fühlt vielleicht nur dies: an dem schmalen langen harten Kinn die kalte Kette vom Vlies.
Das Todesurteil vor ihm bleibt lang ohne Namenszug. Und sie denken: wie er sich quält.
Sie wüßten, kennten sie ihn genug, daß er nur langsam bis siebzig zählt eh er es unterschreibt.
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Interpretation
Das Gedicht "Der König" von Rainer Maria Rilke schildert die schwere Last der Macht, die auf einem jungen Herrscher lastet. Der sechzehnjährige König wird von der Verantwortung überwältigt, die weit über sein Alter hinausgeht. Die bildhafte Sprache verdeutlicht seine Isolation und den Druck, dem er ausgesetzt ist, symbolisiert durch die "kalte Kette vom Vlies" an seinem Kinn. Die zweite Strophe verdeutlicht die Ohnmacht des Königs angesichts der bevorstehenden Entscheidungen. Das Todesurteil, das ohne seinen Namenszug bleibt, symbolisiert die Unausweichlichkeit seiner Rolle und die Last der Verantwortung. Die Ratsherren beobachten seine Qualen, ohne seine innere Zerrissenheit zu verstehen. In der letzten Strophe wird die Diskrepanz zwischen der äußeren Wahrnehmung des Königs und seiner inneren Verfassung deutlich. Die Ratsherren würden ihn besser verstehen, wenn sie wüssten, dass er nur langsam bis siebzig zählt, bevor er das Urteil unterschreibt. Dies verdeutlicht die tiefe Traurigkeit und die Last der Verantwortung, die der junge König trägt.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildlichkeit
- an dem schmalen langen harten Kinn die kalte Kette vom Vlies
- Ironie
- Sie denken: wie er sich quält
- Metapher
- Sechzehn Jahre und schon der Staat
- Personifikation
- vorbei an den Greisen vom Rat
- Symbolik
- das Todesurteil vor ihm bleibt lang ohne Namenszug