Der Knabe

Rainer Maria Rilke

1905

Ich möchte einer werden so wie die, die durch die Nacht mit wilden Pferden fahren, mit Fackeln, die gleich aufgegangnen Haaren in ihres Jagens großem Winde wehn. Vorn möcht ich stehen wie in einem Kahne, groß und wie eine Fahne aufgerollt. Dunkel, aber mit einem Helm von Gold, der unruhig glänzt. Und hinter mir gereiht zehn Männer aus derselben Dunkelheit mit Helmen, die, wie meiner, unstät sind, bald klar wie Glas, bald dunkel, alt und blind. Und einer steht bei mir und bläst uns Raum mit der Trompete, welche blitzt und schreit, und bläst uns eine schwarze Einsamkeit, durch die wir rasen wie ein rascher Traum: Die Häuser fallen hinter uns ins Knie, die Gassen biegen sich uns schief entgegen, die Plätze weichen aus: wir fassen sie, und unsre Rosse rauschen wie ein Regen.

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Illustration zu Der Knabe

Interpretation

Das Gedicht "Der Knabe" von Rainer Maria Rilke beschreibt den Wunsch eines Jungen, ein Anführer einer nächtlichen Jagd zu sein. Er sehnt sich danach, an der Spitze einer Gruppe von zehn Männern zu stehen, die alle in der Dunkelheit gehüllt sind, aber einen goldenen Helm tragen, der unruhig glänzt. Der Junge imaginiert sich selbst als eine Art Fahne, groß und aufgerollt, die den Weg weist. Die Gruppe wird von einem Trompeter begleitet, der mit seiner Trompete einen Raum um sie herum schafft und eine schwarze Einsamkeit erzeugt, durch die sie wie in einem schnellen Traum rasen. Die Häuser und Straßen scheinen sich vor ihnen zu beugen und zu biegen, als ob sie vor der Macht und Geschwindigkeit der Gruppe zurückweichen. Die Pferde der Gruppe rauschen wie Regen, was die Intensität und das Tempo ihrer Fahrt noch verstärkt. Das Gedicht vermittelt ein Gefühl von Abenteuerlust, Freiheit und Macht. Der Junge sehnt sich danach, Teil einer Gruppe zu sein, die die Nacht beherrscht und alles um sich herum beeinflusst. Die Verwendung von Bildern wie Fackeln, wilden Pferden und einem Trompeter erzeugt eine Atmosphäre von Aufregung und Gefahr. Das Gedicht zeigt auch die Faszination des Jungen für das Unbekannte und das Verlangen, sich von den Zwängen der normalen Welt zu befreien.

Schlüsselwörter

dunkel bald bläst möchte nacht wilden pferden fahren

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
bläst uns Raum
Bildsprache
die Gassen biegen sich uns schief entgegen
Hyperbel
zehn Männer aus derselben Dunkelheit
Metapher
die Plätze weichen aus
Personifikation
Die Häuser fallen hinter uns ins Knie
Symbolik
Helm von Gold
Vergleich
unsere Rosse rauschen wie ein Regen