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Der Knabe und die Mutter

Von

Mutter, wo der Vater?

Glücklicher Knabe,
Der du lächelnd träumest,
Wonneworte lallest,
Nicht denkst, daß wir
Bald entwandern dem Lande,
Das all′ uns wiegt,
Dich, mich, den Vater,
All′ uns nährte,
Wie ich dich!

Ach Mutter, wo der Vater?

Hinaus,
Mit wilder Wehr,
Mit Lanz und Schwerdt,
Dem Feind entgegen!
Hinaus!
Weit über die Berge,
Die steilen, felsumthürmten,
In die Ebene,
Wo du nie warst, Knabe,
Da ist der Feind,
Da ist der Vater!

Und bringt er Blumen
Aus den Thälern,
Wenn er wiederkehrt,
Bringt er mir?

Nein! Knabe!
Hinabgestiegen von den Felsen
Ist der Vater,
Nicht zum Fest
Im grünen Eurotasthale,
Blumen dir zu bringen,
Mit wilder Kampflust
Schwerdt und Dolch zückend,
Der Hohe!
Flecht′ ihm
Aus Lorbeerreisern
Und weißen Rosen
Einen Kranz!
Des Vaters Kampf
Ist hart!

Ich thu′s!
Wind′ ihm den Kranz
Um die Locken, wenn er kehrt,
Küß′ ihn!
Ach Mutter,
Bist böse?

Komm′ in meine Arme!
Weine nicht!
Wie dieser Busen
Einst dich nährte,
Nähre Gott dich,
Der Allliebende,
Denn ich kann′s nicht!

Eine Thräne bebt dir
Im düstern Auge,
Finstere Mutter!

Dort an der Linde!
Bringe mir das Schwerdt!
Aus den Bergen
Wandeln wir hinab!
Das Kind am Busen,
Kämpft die Spartermutter,
Verzweifelt.

Dort nah′n sie!
Mutter!

Armer, die Männer!

Hörst du′s dröhnen und krachen?
Wie die Flamme schlägt
Aus dem Hause!
Flieh!

Komm!
In meine Arme!

Schreckliche!
Wie deine Locken wirbeln
Im Winde!

Fort!
Und nun schütze,
Schütze die Verzweifelten,
Deine Waisen,
Gott!

Gedicht als Bild, zum Downloaden und Teilen

Gedicht: Der Knabe und die Mutter von Wilhelm Friedrich Waiblinger

Kurze Interpretation des Gedichts

Das Gedicht „Der Knabe und die Mutter“ von Wilhelm Friedrich Waiblinger ist ein ergreifendes Werk, das die Themen Krieg, Verlust und mütterliche Liebe auf tiefgreifende Weise behandelt. Es entfaltet sich in einer dialogartigen Struktur, in der ein Knabe seine Mutter immer wieder nach dem Vater fragt, während die Mutter versucht, die Realität des Krieges und des Todes für ihren Sohn zu verbergen oder zu erklären. Die stetigen Fragen des Kindes, die sich nach der Abwesenheit des Vaters erkundigen, unterstreichen die Unschuld und das kindliche Verständnis, während die Antworten der Mutter die Last der Erwachsenenwelt und die schmerzliche Wahrheit des Krieges widerspiegeln.

Die Szenen wechseln abrupt, von idyllischen Vorstellungen von Blumen und Rückkehr bis hin zu den brutalen Realitäten des Kampfes und der Zerstörung. Die Mutter versucht, ihren Sohn vor dem Grauen zu schützen, indem sie ihm beschönigende Antworten gibt oder versucht, die Gefühle zu verbergen. Die Worte „Da ist der Feind, Da ist der Vater!“ markieren einen Wendepunkt, der die Verbindung zwischen dem Vater und dem Krieg verdeutlicht. Das Gedicht ist erfüllt von einer Atmosphäre der Hoffnungslosigkeit, die durch die wiederholte Frage des Knaben nach dem Vater und die Antwort der Mutter, die das Leid und die Ungewissheit des Krieges erahnen lässt, verstärkt wird.

Die Verwendung von Bildern wie Blumen, dem Schwert und dem brennenden Haus dient dazu, die Gegensätze zwischen Unschuld und Gewalt, Leben und Tod zu verdeutlichen. Die Blumen, die der Vater mitbringen könnte, stehen für Hoffnung und Freude, während das Schwert und das brennende Haus die Zerstörung und das Leid des Krieges symbolisieren. Die Mutter, die zunächst versucht, die Realität zu verschleiern, muss sich letztendlich der Wahrheit stellen und ihre Verzweiflung und Trauer offenbaren. Die Zeilen „Komm in meine Arme! Weine nicht! / Wie dieser Busen / Einst dich nährte, / Nähre Gott dich, / Der Allliebende, / Denn ich kann’s nicht!“ sind ein ergreifender Ausdruck der mütterlichen Ohnmacht und der gleichzeitigen tiefen Liebe und des Schutzes.

Das Gedicht kulminiert in einem dramatischen Finale, in dem das Haus in Flammen aufgeht, was die endgültige Zerstörung und den Verlust der Familie symbolisiert. Die Mutter, die ihr Kind in den Armen hält, wird mit der unerbittlichen Realität des Krieges konfrontiert. Das Gedicht endet mit einem Appell an Gott um Schutz, was die Hilflosigkeit und Verzweiflung der Mutter angesichts des Unvermeidlichen unterstreicht. Waiblinger gelingt es, durch die klare Sprache und die starken Bilder ein tief bewegendes Bild des Krieges und seiner Auswirkungen auf die menschliche Psyche zu zeichnen.

Weitere Informationen

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Lizenz und Verwendung

Dieses Gedicht fällt unter die „public domain“ oder Gemeinfreiheit. Gemeinfreiheit bedeutet, dass ein Werk nicht (mehr) durch Urheberrechte geschützt ist und daher von allen ohne Erlaubnis des Urhebers frei genutzt, vervielfältigt und verbreitet werden darf. Sie tritt meist nach Ablauf der gesetzlichen Schutzfrist ein, z. B. 70 Jahre nach dem Tod des Autors. Weitere Informationen dazu finden sich hier.