Der Knabe und die Mutter

Wilhelm Friedrich Waiblinger

1823

Mutter, wo der Vater?

Glücklicher Knabe, Der du lächelnd träumest, Wonneworte lallest, Nicht denkst, daß wir Bald entwandern dem Lande, Das all′ uns wiegt, Dich, mich, den Vater, All′ uns nährte, Wie ich dich!

Ach Mutter, wo der Vater?

Hinaus, Mit wilder Wehr, Mit Lanz und Schwerdt, Dem Feind entgegen! Hinaus! Weit über die Berge, Die steilen, felsumthürmten, In die Ebene, Wo du nie warst, Knabe, Da ist der Feind, Da ist der Vater!

Und bringt er Blumen Aus den Thälern, Wenn er wiederkehrt, Bringt er mir?

Nein! Knabe! Hinabgestiegen von den Felsen Ist der Vater, Nicht zum Fest Im grünen Eurotasthale, Blumen dir zu bringen, Mit wilder Kampflust Schwerdt und Dolch zückend, Der Hohe! Flecht′ ihm Aus Lorbeerreisern Und weißen Rosen Einen Kranz! Des Vaters Kampf Ist hart!

Ich thu′s! Wind′ ihm den Kranz Um die Locken, wenn er kehrt, Küß′ ihn! Ach Mutter, Bist böse?

Komm′ in meine Arme! Weine nicht! Wie dieser Busen Einst dich nährte, Nähre Gott dich, Der Allliebende, Denn ich kann′s nicht!

Eine Thräne bebt dir Im düstern Auge, Finstere Mutter!

Dort an der Linde! Bringe mir das Schwerdt! Aus den Bergen Wandeln wir hinab! Das Kind am Busen, Kämpft die Spartermutter, Verzweifelt.

Dort nah′n sie! Mutter!

Armer, die Männer!

Hörst du′s dröhnen und krachen? Wie die Flamme schlägt Aus dem Hause! Flieh!

Komm! In meine Arme!

Schreckliche! Wie deine Locken wirbeln Im Winde!

Fort! Und nun schütze, Schütze die Verzweifelten, Deine Waisen, Gott!

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Illustration zu Der Knabe und die Mutter

Interpretation

Das Gedicht "Der Knabe und die Mutter" von Wilhelm Friedrich Waiblinger erzählt von der Sehnsucht eines Kindes nach seinem Vater, der als Krieger in den Kampf zieht. Der Knabe fragt immer wieder nach dem Vater und träumt von seiner Rückkehr, während die Mutter voller Sorge und Trauer um ihren Mann ist. Das Gedicht schildert den Kontrast zwischen der Unschuld und Hoffnung des Kindes und der Verzweiflung und Angst der Mutter. Im ersten Teil des Gedichts zeigt sich die naive Neugier des Kindes, das nicht versteht, warum der Vater nicht da ist. Es fragt die Mutter nach ihm und träumt davon, dass er Blumen aus den Tälern mitbringt, wenn er zurückkehrt. Die Mutter hingegen weiß um die Gefahr und den Ernst der Lage. Sie beschreibt den Vater als einen Krieger, der mit Schwert und Dolch in den Kampf zieht. Sie bittet das Kind, einen Kranz aus Lorbeer und Rosen für den Vater zu flechten, da sein Kampf hart sein wird. Im zweiten Teil des Gedichts wird die Situation immer bedrohlicher. Die Mutter bittet das Kind, das Schwert zu holen, und kündigt an, dass sie mit dem Kind im Arm in die Ebene hinabsteigen werden. Sie kämpft verzweifelt gegen die Männer, die näher kommen. Das Kind ruft erschrocken "Mutter!", während die Mutter die Flucht ergreift. Am Ende des Gedichts fleht die Mutter Gott an, die Verzweifelten, ihre Waisen, zu schützen, da sie es nicht mehr kann. Das Gedicht endet mit einem Appell an die göttliche Hilfe in einer ausweglosen Situation.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Anapher
Dort an der Linde! Bringe mir das Schwerdt! Aus den Bergen Wandeln wir hinab! Das Kind am Busen, Kämpft die Spartermutter, Verzweifelt.
Bildsprache
Eine Thräne bebt dir Im düstern Auge, Finstere Mutter!
Imperativ
Flieh! Komm! In meine Arme!
Kontrast
Nein! Knabe! Hinabgestiegen von den Felsen Ist der Vater, Nicht zum Fest Im grünen Eurotasthale, Blumen dir zu bringen, Mit wilder Kampflust Schwerdt und Dolch zückend, Der Hohe!
Metapher
Fort! Und nun schütze, Schütze die Verzweifelten, Deine Waisen, Gott!
Onomatopoesie
Hörst du′s dröhnen und krachen? Wie die Flamme schlägt Aus dem Hause!
Personifikation
Wie der Vater! Und bringt er Blumen Aus den Thälern, Wenn er wiederkehrt, Bringt er mir?
Symbolik
Des Vaters Kampf Ist hart!
Wiederholung
Dort nah′n sie! Mutter! Armer, die Männer!