Der kleine Franz
1894Gestern noch im muntern Spiel Mit den Seifenblasen Sprang er viel und lachte viel Auf dem grünen Rasen; Abends drauf von meinen Knien Späht′ er nach den Sternen; Jeden, der am Himmel schien, Wollt′ er kennen lernen.
“Gute Nacht nun! Morgen dann Mir erzählst du weiter!” Und er lächelte mich an, Hüpfte fort so heiter; Gestern noch so frisch im Glanz Seiner sieben Jahre, Liegt er heut, der kleine Franz, Auf der Totenbahre.
Zarter Knabe, der du bang Sonst im Finstern zagtest, Sprich, wie du den großen Gang Durch das Dunkel wagtest? Wagtest, in den Schlund, davor Alle zitternd stehen, Durch das schwarzverhängte Tor So allein zu gehen?
Seit dem letzten Sonnenstrahl O wie weit die Reise! Weiter, weiter tausendmal, Als vom Kind zum Greise! Jüngst erst auf der Mutter Schoß, Ihr am Busen lagst du, Nun die Größten riesengroß Plötzlich überragst du.
Und mit allem, was ich kann, Was ich bin und habe, Nichts vermag ich dir fortan Mehr zu lehren, Knabe; Weiser du als Sokrates, Ich an Geist erblindet, Alles, alles weißt du es, Was wir nie ergründet.
Lächelnd blickst auf uns du nun, Denen du entrissen; Kindisch dünkt dich unser Tun, Unser Sein und Wissen. Seit du über mich so hoch Bist erhöht, o Kleiner, Nur mit heil′gem Schauer noch Denken kann ich deiner.
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Interpretation
Das Gedicht "Der kleine Franz" von Adolf Friedrich Graf von Schack handelt von der tiefen Trauer und dem Schock über den plötzlichen Tod eines jungen Kindes. Der Sprecher erinnert sich an die vergangene Unschuld und Lebendigkeit des Kindes, das nur einen Tag zuvor fröhlich auf dem Rasen spielte und am Abend die Sterne betrachtete. Die abrupte Wendung zum Tod des Kindes wird durch den Kontrast zwischen der lebendigen Vergangenheit und der gegenwärtigen Totenbahre betont. Der zweite Teil des Gedichts reflektiert über den Übergang des Kindes in den Tod. Der Sprecher stellt sich vor, wie das zarte Kind, das früher vor der Dunkelheit zitterte, mutig den "großen Gang" durch die Dunkelheit des Todes wagte. Dieser Weg wird als unermesslich weit beschrieben, weit über das normale menschliche Leben hinaus. Das Kind, das noch gestern an der Mutter Brust lag, überragt nun plötzlich die Größten, was seine spirituelle Erhebung und Weisheit im Tod symbolisiert. Im letzten Teil drückt der Sprecher seine Hilflosigkeit und Bewunderung aus. Er kann dem Kind nichts mehr beibringen, da es nun weiser als Sokrates ist und alles weiß, was die Menschen nie ergründen konnten. Das Kind lächelt herab auf diejenigen, die es verloren haben, und betrachtet ihr Tun, Sein und Wissen als kindisch. Der Sprecher kann nur noch mit heiligem Schauer an das Kind denken, das nun über ihm erhöht ist.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Alliteration
- Kindisch dünkt dich unser Tun
- Hyperbel
- Seit dem letzten Sonnenstrahl / O wie weit die Reise!
- Kontrast
- Gestern noch so frisch im Glanz / Liegt er heut, der kleine Franz
- Metapher
- Mit den Seifenblasen
- Personifikation
- Jeden, der am Himmel schien
- Rhetorische Frage
- Sprich, wie du den großen Gang / Durch das Dunkel wagtest?
- Vergleich
- Plötzlich überragst du