Der Kirschenstrauß

Friedrich Hebbel

1859

Blond und fein, ein Lockenköpfchen, Das kaum vier der Jahre hat, Trippelt ängstlich durch das Gäßchen, Jeder Schritt noch eine Tat.

Eier trägt es in den Händen, Die es so verlegen hält, Wie auf alten Kaiserbildern Karl der Große seine Welt.

Arme Kleine! Wenn sie fielen, Gäb′ es keinen Kuchen mehr, Und der Weg ist so gefährlich Und das Herzchen pocht so sehr!

Hätte sie geahnt, wie teuer Oft sich büßt der Tatendrang, Nimmer hätt′ sie ihn der Mutter Abgeschmeichelt, diesen Gang.

Dennoch käm′ sie wohl zu Hause, Forderte der Kirschenstrauß, Den die Krämerin ihr schenkte, Nur den Durst nicht so heraus.

Doch sie möchte eine kosten Von den Beeren rund und rot, Denn es sind für sie die ersten, Und das bringt ihr große Not.

Ihre Hand zum Mund zu führen, Wagt sie nimmer, denn das Ei Könnte ihr derweil entschlüpfen, Hält sie doch den Strauß dabei.

Drum versucht sie′s, sich zu bücken, Doch die Kluft ist gar zu weit, Und sie spitzt umsonst die Lippen Nach der würz′gen Süßigkeit.

Aber sie gerät ins Straucheln, Und das Unglück wär′ geschehn, Bliebe sie nicht auf der Stelle Wie erstarrt vor Schrecken, stehn.

Denn die Eier wollten gleiten, Und sie hält sie nur noch fest, Weil sie beide unwillkürlich Gegen Leib und Brust gepreßt.

Lange wird es zwar nicht dauern: Bellt der erste kleine Hund, Fährt sie noch einmal zusammen, Und sie rollen auf den Grund.

Doch da springt, den Küchenlöffel In der mehlbestäubten Hand, Ihr die Mutter rasch entgegen, Und das Unglück ist gebannt.

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Illustration zu Der Kirschenstrauß

Interpretation

Das Gedicht "Der Kirschenstrauß" von Friedrich Hebbel handelt von einem kleinen Mädchen, das Eier zum Bäcker tragen soll. Es wird beschrieben, wie ängstlich und unsicher das Kind durch das Gäßchen trippelt und wie es die Eier wie einen Schatz hält. Die kleine Heldin möchte gerne eine Kirsche vom Strauß kosten, den die Krämerin ihr geschenkt hat. Doch sie traut sich nicht, die Hand zum Mund zu führen, da sie dabei ein Ei verlieren könnte. In ihrer Verzweiflung versucht das Mädchen, sich zu bücken, um an die Kirsche zu gelangen. Doch die Kluft zwischen Eiern und Mund ist zu weit. Sie spitzt vergeblich die Lippen nach der süßen Frucht. Schließlich gerät sie ins Straucheln und die Eier drohen zu fallen. Doch in letzter Sekunde fasst sie sie instinktiv an sich und kann so Schlimmeres verhindern. Doch das Unglück nimmt seinen Lauf, als ein Hund bellt und sie zusammenzuckt. Die Eier rollen auf den Boden. Zum Glück eilt die Mutter herbei und kann mit ihrem Küchenlöffel Schlimmeres verhindern. Das Gedicht beschreibt auf eindringliche Weise die Ängste und Nöte des kleinen Mädchens, das zwischen seiner Neugier auf die Kirsche und der Angst, die Eier zu verlieren, hin- und hergerissen ist. Am Ende steht die Erleichterung, als die Mutter zur Rettung eilt. Hebbel schildert einfühlsam die Gefühlswelt eines Kindes in einer alltäglichen Situation.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

Wortwolke zu Der Kirschenstrauß

Stilmittel

Alliteration
Blond und fein, ein Lockenköpfchen
Hyperbel
Jeder Schritt noch eine Tat.
Ironie
Hätte sie geahnt, wie teuer Oft sich büßt der Tatendrang, Nimmer hätt′ sie ihn der Mutter Abgeschmeichelt, diesen Gang.
Kontrast
Doch sie möchte eine kosten Von den Beeren rund und rot, Denn es sind für sie die ersten, Und das bringt ihr große Not.
Metapher
Die Eier trägt es in den Händen, Die es so verlegen hält, Wie auf alten Kaiserbildern Karl der Große seine Welt.
Personifikation
Und das Herzchen pocht so sehr!
Vergleich
Die Eier trägt es in den Händen, Die es so verlegen hält, Wie auf alten Kaiserbildern Karl der Große seine Welt.