Der Kirchhof

Wilhelm Friedrich Waiblinger

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Die Ruh’ ist wohl das Beste, Von allem Glück der Welt, Mit jedem Wiegenfeste Wird neue Lust vergällt, Die Rose welkt in Schauern, Die uns der Frühling giebt; Wer haßt, ist zu bedauern, Und mehr noch fast, wer liebt.

Es trübt den eignen Frieden Mit seiner Gluth das Herz, Das Kind ist nicht zufrieden, Dem Mann bleibt nur der Schmerz. Du hoffst umsonst vom Meere, Vom Weltgetümmel Ruh’; Selbst Lorbeer, Ruhm und Ehre Heilt keine Wunden zu.

Nun weiß ich auf der Erde Ein einzig Plätzchen nur, Wo jegliche Beschwerde Im Schooße der Natur, Wo jeder eitle Kummer, Der mir den Busen schwellt, In langen tiefen Schlummer Wie’s Laub vom Baume fällt.

Ein Plätzchen ach! so theuer, Wie mich noch keins entzückt, Wo Lieb’ und liebend Feuer Mein Herz einst nicht mehr drückt, Wo’s ruht in aller Stille, Dem Sturme nicht mehr bloß, Entbunden aller Hülle, Ja frei und schicksallos.

So freundlich ist’s und heiter, Wenn du es kennen lernst, Stets lieblicher und breiter, Und doch voll hohem Ernst, Der Vorwelt düstres Grauen Hat’s königlich geweiht, Und weiße Steine schauen In all’ die Einsamkeit.

Die Pyramide düstert Voll finstrer Pracht empor, Aus jungen Bäumen flüstert Ein Klagehauch hervor, Es weht auf diese Gründe Das grauste Alterthum, Wenn irgendwo, so finde Ich hier Elysium.

Es glänzt im Abendlichte Umher die goldne Au’, Und himmlische Gesichte Weckt mir das lautre Blau, Das mit den reinen Fluthen Dort auf des Berges Nacht, In sanften Purpurgluthen, Ein andrer Lethe, lacht.

Die Brüder selbst, sie stören Hier meine Ruhe nicht, Nur selten, daß sie hören, Wie mir ein Ach entbricht, Sie schlafen hier geschieden Von aller Welt, allein, O welch ein Glück, hienieden, Kein Gläubiger zu sein!

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Illustration zu Der Kirchhof

Interpretation

Das Gedicht "Der Kirchhof" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Ruhe und Frieden, die es im Leben nicht finden kann. Es vergleicht das Leben mit einem ständigen Auf und Ab von Freude und Schmerz, bei dem selbst Liebe und Ruhm keine wahren Erfüllung bringen können. Das lyrische Ich findet schließlich Trost in der Vorstellung eines Friedhofs als einem Ort ewiger Ruhe und Freiheit von allen irdischen Sorgen und Leidenschaften. Der Kirchhof wird als ein idyllischer, fast paradiesischer Ort beschrieben, an dem das lyrische Ich seine "Elysium" oder sein persönliches Elysium finden kann. Das Gedicht endet mit der Erleichterung, dass selbst die "Brüder" oder Grabsteine auf dem Friedhof die Ruhe des lyrischen Ichs nicht stören, da sie selbst in einem tiefen, ewigen Schlaf liegen. Das lyrische Ich empfindet es als Glück, "kein Gläubiger zu sein" - also keine Schulden oder Verpflichtungen mehr gegenüber der Welt zu haben.

Schlüsselwörter

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Stilmittel

Kontrast
Die Brüder selbst, sie stören Hier meine Ruhe nicht
Metapher
Kein Gläubiger zu sein
Personifikation
Und himmlische Gesichte Weckt mir das lautre Blau