Der Kirchhof
1893Die Ruh′ ist wohl das Beste, Von allem Glück der Welt, Mit jedem Wiegenfeste Wird neue Lust vergällt, Die Rose welkt in Schauern, Die uns der Frühling giebt; Wer haßt, ist zu bedauern, Und mehr noch fast, wer liebt.
Es trübt den eignen Frieden Mit seiner Gluth das Herz, Das Kind ist nicht zufrieden, Dem Mann bleibt nur der Schmerz. Du hoffst umsonst vom Meere, Vom Weltgetümmel Ruh′; Selbst Lorbeer, Ruhm und Ehre Heilt keine Wunden zu.
Nun weiß ich auf der Erde Ein einzig Plätzchen nur, Wo jegliche Beschwerde Im Schooße der Natur, Wo jeder eitle Kummer, Der mir den Busen schwellt, In langen tiefen Schlummer Wie′s Laub vom Baume fällt.
Ein Plätzchen ach! so theuer, Wie mich noch keins entzückt, Wo Lieb′ und liebend Feuer Mein Herz einst nicht mehr drückt, Wo′s ruht in aller Stille, Dem Sturme nicht mehr bloß, Entbunden aller Hülle, Ja frei und schicksallos.
So freundlich ist′s und heiter, Wenn du es kennen lernst, Stets lieblicher und breiter, Und doch voll hohem Ernst, Der Vorwelt düstres Grauen Hat′s königlich geweiht, Und weiße Steine schauen In all′ die Einsamkeit.
Die Pyramide düstert Voll finstrer Pracht empor, Aus jungen Bäumen flüstert Ein Klagehauch hervor, Es weht auf diese Gründe Das grauste Alterthum, Wenn irgendwo, so finde Ich hier Elysium.
Es glänzt im Abendlichte Umher die goldne Au′, Und himmlische Gesichte Weckt mir das lautre Blau, Das mit den reinen Fluthen Dort auf des Berges Nacht, In sanften Purpurgluthen, Ein andrer Lethe, lacht.
Die Brüder selbst, sie stören Hier meine Ruhe nicht, Nur selten, daß sie hören, Wie mir ein Ach entbricht, Sie schlafen hier geschieden Von aller Welt, allein, O welch ein Glück, hienieden, Kein Gläubiger zu sein!
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Interpretation
Das Gedicht "Der Kirchhof" von Wilhelm Friedrich Waiblinger beschreibt die Sehnsucht des lyrischen Ichs nach Ruhe und Frieden, die es auf einem Friedhof findet. Das Gedicht ist in fünf Strophen unterteilt, wobei jede Strophe einen anderen Aspekt des Friedhofs und der damit verbundenen Gefühle beleuchtet. In der ersten Strophe wird die Vergänglichkeit des Lebens und die damit verbundene Enttäuschung thematisiert. Das lyrische Ich sehnt sich nach Ruhe, die es als das Beste auf der Welt empfindet, da das Leben mit jedem Geburtstag neue Lust vergällt und die Rose, die der Frühling gibt, in Schauern welkt. Das Gedicht deutet an, dass sowohl Hass als auch Liebe Leiden verursachen, wobei die Liebe als noch schmerzhafter dargestellt wird. Die zweite Strophe beschreibt, wie das Herz durch seine eigene Leidenschaft gestört wird und wie weder die Hoffnung auf Ruhe vom Meer noch Ruhm und Ehre die Wunden des Lebens heilen können. Das lyrische Ich erkennt, dass es auf der Erde nur einen einzigen Ort gibt, an dem alle Beschwerden und eitlen Kummer in einen langen, tiefen Schlaf fallen, ähnlich wie das Laub von den Bäumen fällt. In der dritten Strophe wird der Friedhof als ein teurer und einzigartiger Ort beschrieben, an dem das Herz in aller Stille ruhen kann, frei von den Stürmen des Lebens und jeglicher Hülle. Das lyrische Ich findet hier einen Zustand der Schicksallosigkeit und Freiheit, den es als himmlisch und erhebend empfindet. Die vierte und fünfte Strophe verleihen dem Friedhof eine fast idyllische und mystische Atmosphäre. Der Friedhof wird als freundlich und heiter beschrieben, mit goldenen Auen, die im Abendlicht leuchten, und einem lauteren Blau, das himmlische Gesichte weckt. Die Brüder des lyrischen Ichs, die hier begraben liegen, stören die Ruhe nicht, und das lyrische Ich empfindet es als Glück, hier "kein Gläubiger zu sein", was metaphorisch für die Befreiung von irdischen Verpflichtungen und Sorgen stehen könnte.
Schlüsselwörter
Wortwolke

Stilmittel
- Bildsprache
- [Die Rose welkt in Schauern, / Die uns der Frühling giebt Mit seiner Gluth das Herz Wo jegliche Beschwerde / Im Schooße der Natur Wo jeder eitle Kummer, / Der mir den Busen schwellt In langen tiefen Schlummer / Wie's Laub vom Baume fällt Wo Lieb' und liebend Feuer / Mein Herz einst nicht mehr drückt Wo's ruht in aller Stille, / Dem Sturme nicht mehr bloß Entbunden aller Hülle Die Pyramide düstert / Voll finstrer Pracht empor Aus jungen Bäumen flüstert / Ein Klagehauch hervor Es weht auf diese Gründe / Das grauste Alterthum Es glänzt im Abendlichte / Umher die goldne Au' Und himmlische Gesichte / Weckt mir das lautre Blau Das mit den reinen Fluthen / Dort auf des Berges Nacht In sanften Purpurgluthen Ein andrer Lethe, lacht]
- Hyperbel
- [Wo Lieb' und liebend Feuer / Mein Herz einst nicht mehr drückt Wo's ruht in aller Stille, / Dem Sturme nicht mehr bloß Entbunden aller Hülle O welch ein Glück, hienieden, / Kein Gläubiger zu sein!]
- Kontrast
- [So freundlich ist's und heiter, / Wenn du es kennen lernst, / Stets lieblicher und breiter, / Und doch voll hohem Ernst Die Pyramide düstert / Voll finstrer Pracht empor, / Aus jungen Bäumen flüstert / Ein Klagehauch hervor Es weht auf diese Gründe / Das grauste Alterthum, / Wenn irgendwo, so finde / Ich hier Elysium Es glänzt im Abendlichte / Umher die goldne Au', / Und himmlische Gesichte / Weckt mir das lautre Blau, / Das mit den reinen Fluthen / Dort auf des Berges Nacht, / In sanften Purpurgluthen, / Ein andrer Lethe, lacht]
- Metapher
- [Die Ruh' ist wohl das Beste, / Von allem Glück der Welt Die Rose welkt in Schauern, / Die uns der Frühling giebt Mit seiner Gluth das Herz Wo jegliche Beschwerde / Im Schooße der Natur Wo Lieb' und liebend Feuer / Mein Herz einst nicht mehr drückt Wo's ruht in aller Stille Entbunden aller Hülle Die Pyramide düstert / Voll finstrer Pracht empor Ein Klagehauch hervor Es weht auf diese Gründe / Das grauste Alterthum Ein andrer Lethe, lacht Wie mir ein Ach entbricht]
- Symbolik
- [Die Pyramide düstert / Voll finstrer Pracht empor Ein andrer Lethe, lacht Wo Lieb' und liebend Feuer / Mein Herz einst nicht mehr drückt Wo's ruht in aller Stille Entbunden aller Hülle Ja frei und schicksallos Die Brüder selbst, sie stören / Hier meine Ruhe nicht]