Der Kirchenbesuch

Gottfried Keller

1819

Wie ein Fischlein in dem Garn Hat der Dom mich eingefangen, Und da bin ich festgebannt, Warum bin ich dreingegangen? Ach, wie unter breiten Malven Taubesprengt ein Röslein blitzt, Zwischen guten Bürgersfrauen Hier mein feines Liebchen sitzt!

Die Gemeinde schnarcht so sanft, Wie das Laub im Walde rauschet, Und der Bettler an der Tür Als ein Räuber guckt und lauschet; Doch wie eines Bächleins Faden Murmelnd durchs Gebüsche fließt, So die lange dünne Predigt Um die Pfeiler sich ergießt.

Eichenbäume, hoch und schlank, All die gotischen Pfeiler ragen; Ein gewölbtes Blätterdach Ihre krausen Äste tragen; Untenher spielt hin und wieder Dämmerhaft ein Sonnenschein; Wachend sind in dieser Stille Nur mein Lieb und ich allein.

Zwischen uns webt sich ein Netz Von des Lichts gebrochnem Strahle, Drin der Taufstein, grün und rot, Wandelt sich zur Blumenschale; Ein geflügelt Knäblein flattert Auf des Deckels altem Knauf, Und es gehen uns im Busen Auch der Sehnsucht Rosen auf.

Weit hinaus, ins Morgenland, Komm, mein Kind, und laß uns fliegen, Wo die Palmen schwanken am Meer Und die sel′gen Inseln liegen, Flutend um die große Sonne, Grundlos tief die Himmel blaun: Angesichts der freien Wogen Unsre Seelen frei zu traun!

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Illustration zu Der Kirchenbesuch

Interpretation

Das Gedicht "Der Kirchenbesuch" von Gottfried Keller beschreibt einen Besuch des lyrischen Ichs in einer Kirche. Der Dom wird als ein Fangnetz dargestellt, in das das Ich unwillentlich geraten ist. Der Grund für den Besuch wird als die Anwesenheit einer geliebten Frau in der Gemeinde offenbart. Während die meisten anderen Kirchenbesucher schlafen oder gelangweilt sind, nimmt das Ich die Schönheit der Architektur und das Spiel von Licht und Schatten bewusst wahr. Die lange Predigt wird als murmelnder Bach beschrieben, der sich um die Pfeiler ergießt. Das Ich vergleicht die gotischen Pfeiler mit hohen, schlanken Eichenbäumen, die ein gewölbtes Blätterdach tragen. Nur das Ich und seine Geliebte sind wach und aufmerksam in dieser stillen Atmosphäre. Zwischen ihnen webt sich ein Netz aus gebrochenem Licht, das den Taufstein in eine Blumenschale verwandelt. Ein geflügeltes Knäblein auf dem Deckel des Taufsteins lässt die Rosen der Sehnsucht in ihren Herzen erblühen. Am Ende des Gedichts sehnt sich das Ich danach, mit seiner Geliebten ins ferne Morgenland zu fliegen, wo Palmen am Meer schwanken und selige Inseln liegen. Die weite, tiefe blaue Himmel und die freien Wellen des Meeres symbolisieren die Sehnsucht nach Freiheit und Unbeschwertheit. Das Ich möchte seine Seele den freien Wogen anvertrauen und mit seiner Liebsten ein neues, ungebundenes Leben beginnen.

Schlüsselwörter

zwischen pfeiler fischlein garn dom eingefangen festgebannt warum

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Stilmittel

Metapher
Grundlos tief die Himmel blaun
Personifikation
Unsre Seelen frei zu traun
Vergleich
Zwischen uns webt sich ein Netz / Von des Lichts gebrochnem Strahle