Der Kampf mit dem Drachen

Friedrich von Schiller

1798

Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die langen Gassen brausend fort? Stürzt Rhodus unter Feuers Flammen? Es rottet sich im Sturm zusammen, Und ein Ritter, hoch zu Ross, Gewahr′ ich aus dem Menschentross; Und hinter ihm, welch Abenteuer! Bringt man geschleppt ein Ungeheuer; Ein Drache scheint es von Gestalt, Mit weitem Krokodilesrachen, Und alles blickt verwundert bald Den Ritter an und bald den Drachen.

Und tausend Stimmen werden laut: “Das ist der Lindwurm, kommt und schaut, Der Hirt und Herden uns verschlungen! Das ist der Held, der ihn bezwungen! Viel′ andre zogen vor ihm aus, Zu wagen den gewalt′gen Strauß, Doch Keinen sah man wiederkehren; Den kühnen Ritter soll man ehren!” Und nach dem Kloster geht der Zug, Wo Sankt Johanns, des Täufers, Orden, Die Ritter des Spitals, im Flug Zu Rate sind versammelt worden.

Und vor den edeln Meister tritt Der Jüngling mit bescheidnem Schritt; Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen, Erfüllend des Geländers Stufen. Und Jener nimmt das Wort und spricht: “Ich hab′ erfüllt die Ritterpflicht. Der Drache, der das Land verödet, Er liegt von meiner Hand getötet; Frei ist dem Wanderer der Weg, Der Hirte treibe ins Gefilde, Froh walle auf dem Felsensteg Der Pilger zu dem Gnadenbilde.”

Doch strenge blickt der Fürst ihn an, Und spricht: “Du hast als Held getan; Der Mut ist′s, der den Ritter ehret, Du hast den kühnen Geist bewähret. Doch sprich! Was ist die erste Pflicht Des Ritters, der für Christum ficht, Sich schmücket mit des Kreuzes Zeichen?” Und Alle rings herum erbleichen. Doch er, mit edlem Anstand, spricht, Indem er sich errötend neiget: “Gehorsam ist die erste Pflicht, Die ihn des Schmuckes würdig zeiget.”

“Und diese Pflicht, mein Sohn,” versetzt Der Meister, “Hast du frech verletzt Den Kampf, den das Gesetz versaget, Hast du mit frevlem Mut gewaget!” - “Herr, richte, wenn du Alles weißt,” Spricht Jener mit gesetztem Geist, “Denn des Gesetzes Sinn und Willen Vermeint! ich treulich zu erfüllen. Nicht unbedachtsam zog ich hin, Das Ungeheuer zu bekriegen; Durch List und klug gewandten Sinn Versucht′ ich′s, in dem Kampf zu siegen.”

“Fünf unsers Ordens waren schon, Die Zierden der Religion, Des kühnen Mutes Opfer worden: Da wehrtest du den Kampf dem Orden. Doch an dem Herzen nagten mir Der Unmut und die Streitbegier, Ja, selbst im Traum der stillen Nächte Fand ich mich keuchend im Gefechte; Und wenn der Morgen dämmernd kam Und Kunde gab von neuen Plagen, Da fasste mich ein wilder Gram, Und ich beschloss, es frisch zu wagen.”

“Und zu mir selber sprach ich dann: Was schmückt den Jüngling, ehrt den Mann? Was leisteten die tapfern Helden, Von denen uns die Lieder melden, Die zu der Götter Glanz und Ruhm Erhub das blinde Heidentum? Sie reinigten von Ungeheuern Die Welt in kühnen Abenteuern, Begegneten im Kampf dem Leun Und rangen mit dem Minotauren, Die armen Opfer zu befrein, Und ließen sich das Blut nicht dauren.”

“Ist nur der Sarazen es wert, Dass ihn bekämpft des Christen Schwert? Bekriegt er nur die falschen Götter? Gesandt ist er der Welt zum Retter, Von jeder Not und jedem Harm Befreien muss sein starker Arm; Doch seinen Mut muss Weisheit leiten, Und list muss mit der Stärke streiten. So sprach ich oft und zog allein, Des Raubtiers Fährte zu erkunden; Da flösste mir der Geist es ein, Froh rief ich aus: Ich hab′s gefunden!”

“Und trat zu dir und sprach das Wort: Mich zieht es nach der Heimat fort. Du, Herr, willfahrtest meinen Bitten, Und glücklich war das Meer durchschnitten. Kaum stieg ich aus am heim′schen Strand, Gleich ließ ich durch des Künstlers Hand, Getreu den wohl bemerkten Zügen, Ein Drachenbild zusammenfügen. Auf kurzen Füßen wird die Last Des langen Leibes aufgetürmet; Ein schuppicht Panzerhemd umfasst Den Rücken, den es furchtbar schirmet.”

“Lang strecket sich der Hals hervor, Und grässlich, wie ein Höllentor, Als schnappt′ es gierig nach der Beute, Eröffnet sich des Rachens Weite, Und aus dem schwarzen Schlunde dräun Der Zähne stachelichte Reihn; Die Zunge gleicht des Schwertes Spitze, Die kleinen Augen sprühen Blitze; In eine Schlange endigt sich Des Rückens ungeheure Länge, Rollt ums ich selber fürchterlich, Dass es um Mann und Ross sich schlänge.”

“Und Alles bild′ ich nach, genau, Und kleid′ es in ein scheußlich Grau; Halb Wurm erschien′s, halb Molch und Drache, Gezeuget in der gift′gen Lache. Und als das Bild vollendet war, Erwähl′ ich mir ein Doggenpaar, Gewaltig, schnell, von flinken Läufen, Gewohnt, den wilden Ur zu greifen; Die hetz′ ich auf den Lindwurm an, Erhitze sie zu wildem Grimme, Zu fassen ihn mit scharfem Zahn, Und lenke sie mit meiner Stimme.”

“Und wo des Bauches weiches Vließ Den scharfen Bissen Blöße ließ, Da reiz′ ich sie, den Wurm zu packen, Die spitzen Zähne einzuhacken. Ich selbst, bewaffnet mit Geschoss, Besteige mein arabisch Ross, Von adeliger Zucht entstammet, Und als ich seinen Zorn entflammet, Rasch auf den Drachen spreng′ ich′s los, Und stachl′ es mit den scharfen Sporen, Und werfe zielend mein Geschoss, Als wollt′ ich die Gestalt durchbohren.”

“Ob auch das Ross sich grauend bäumt Und knirscht und in den Zügel schäumt, Und meine Doggen ängstlich stöhnen, Nicht rast′ ich, bis sie sich gewöhnen. So üb′ ich′s aus mit Emsigkeit, Bis dreimal sich der Mond erneut, Und als sie Jedes recht begriffen, Führ′ ich sie her auf schnellen Schiffen. Der dritte Morgen ist es nun, Dass mir′s gelungen hier zu landen; Den Gliedern gönnt′ ich kaum zu ruhn, Bis ich das große Werk bestanden.”

“Denn heiß erregte mir das Herz Des Landes frisch erneuter Schmerz: Zerrissen fand man jüngst die Hirten; Die nach dem Sumpfe sich verirrten, Und ich beschließe rasch die Tat, Nur von dem Herzen nehm′ ich Rat. Flugs unterricht′ ich meine Knappen, Besteige den versuchten Rappen, Und von dem edeln Doggenpaar Begleitet, auf geheimen Wegen, Wo meiner Tat kein Zeuge war, Reit′ ich dem Feinde frisch entgegen.”

“Das Kirchlein kennst du, Herr, das hoch Auf eines Felsenberges Joch, Der weit die Insel überschauet, Des Meisters kühner Geist erbauet. Verächtlich scheint es, arm und klein, Doch ein Mirakel schließt es ein, Die Mutter mit dem Jesusknaben, Den die drei Könige begaben. Auf dreimal dreißig Stufen steigt Der Pilgrim nach der steilen Höhe; Doch hat er schwindelnd sie erreicht, Erquickt ihn seines Heilands Nähe.”

“Tief in den Fels, auf dem es hängt, ist eine Grotte eingesprengt, Vom Tau des nahen Moors befeuchtet, Wohin des Himmels Strahl nicht leuchtet. Hier hausete der Wurm und lag, Den Raub erspähend, Nacht und Tag. So hielt er, wie der Höllendrache, Am Fuß des Gotteshauses Wache; Und kam der Pilgrim hergewallt Und lenkte in die Unglückstraße, hervorbrach aus dem Hinterhalt Der Feind und trug ihn fort zum Fraße.”

“Den Felsen stieg ich jetzt hinan, Eh′ ich den schweren Strauß begann; Hin kniet′ ich vor dem Christuskinde Und reinigte mein Herz von Sünde. Darauf gürt′ ich mir im Heiligtum Den blanken Schmuck der Waffen um, Bewehre mit dem Spieß die Rechte, Und nieder steig′ ich zum Gefechte. Zurücke bleibt der Knappen Tross; Ich gebe scheidend die Befehle, Und schwinge mich behend aufs Ross, Und Gott empfehl′ ich meine Seele.”

“Kaum seh′ ich mich im ebnen Plan, Flugs schlagen meine Doggen an, Und bang beginnt das Ross zu keuchen Und bäumet sich und will nicht weichen; Denn nahe liegt, zum Knäul geballt, Des Feiendes scheußliche Gestalt Und sonnet sich auf warmem Grunde. Auf jagen ihn die flinken Hunde; Doch wenden sie sich pfeilgeschwind, Als es den Rachen gähnend teilet Und von sich haucht den gift′gen Wind Und winselnd wie der Schakal heulet.”

“Doch schnell erfrisch′ ich ihren Mut, Sie fassen ihren Feind mit Wut, Indem ich nach des Tieres Lende Aus starker Faust den Speer versende; Doch machtlos, wie ein dünner Stab, Prallt er vom Schuppenpanzer ab, Und eh′ ich meinen Wurf erneuet, Da bäumet sich mein Ross und scheuet An seinem Basiliskenblick Und seines Atems gift′gem Wehen, Und mit Entsetzen springt′s zurück, Und jetzo war′s um mich geschehen -”

“Da schwing′ ich mich behend vom Ross, Schnell ist des Schwertes Schneide bloß; Doch alle Streiche sind verloren, Den Felsenharnisch zu durchbohren. Und wütend mit des Schweifes Kraft Hat es zur Erde mich gerafft; Schon seh′ ich seinen Rachen gähnen, Es haut nach mir mit grimmen Zähnen, Als meine Hunde, wutentbrannt, An seinen Bauch mit grimm′gen Bissen Sich warfen, dass es heulend stand, Von ungeheurem Schmerz zerrissen.”

“Und eh′ es ihren Bissen sich Entwindet, rasch erheb′ ich mich, Erspähe mir des Feindes Blöße Und stoße tief ihm ins Gekröse, Nachbohrend bis ans Heft den Stahl; Schwarz quellend springt des Blutes Strahl; Hin sinkt es und begräbt im Falle Mich mit des Leibes Riesenballe, Dass schnell die Sinne mir vergehn, Und als ich neu gestärkt erwache, Seh′ ich die Knappen um mich stehn, Und tot im Blute liegt der Drache.”

Des beifalls lang gehemmte Lust Befreit jetzt aller Hörer Brust, So wie der Ritter dies gesprochen; Und zehnfach am Gewölb gebrochen, Wälzt der vermischten Stimmen Schall Sich brausend fort im Widerhall. Laut fordern selbst des Ordens Söhne, Dass man die Heldenstirne kröne, Und dankbar im Triumphgepräng Will ihn das Volk dem Volke zeigen; Da faltet seine Stirne streng Der Meister und gebietet Schweigen.

Und spricht: “Den Drachen, der dies Land Verheert, schlugst du mit tapfrer Hand; Ein Gott bist du dem Volke worden, Ein Feind kommst du zurück dem Orden, Und einen schlimmern Wurm gebar Dein Herz, als dieser Drache war. Die Schlange, die das Herz vergiftet, Die Zwietracht und Verderben stiftet, Das ist der widerspenst′ge Geist, Der gegen Zucht sich frech empöret, Der Ordnung heilig Band zerreißt; Deun der ist′s, der die Welt zerstöret.”

“Muth zeiget auch der Mameluck; Gehorsam ist des Christen Schmuck; Denn wo der Herr in seiner Größe Gewandelt hat in Knechtesblöße, Da stifteten, auf heil′gem Grund, Die Väter dieses Ordens Bund, Der Pflichten schwerste zu erfüllen, Zu Bändigen den eignen Willen. Dich hat der eitle Ruhm bewegt, Drum wende dich aus meinen Blicken! Denn wer des Herren Joch nicht trägt, Darf sich mit seinem Kreuz nicht schmücken.”

Da bricht die Menge tobend aus, Gewalt′ger Sturm bewegt das Haus, Um Gnade flehen alle Brüder; Doch schweigend blickt der Jüngling nieder, Still legt er von sich das Gewand Und küsst des Meisters strenge Hand Und geht. Der folgt ihm mit dem Blicke, Dann ruft er liebend ihn zurücke Und spricht: “Umarme mich, mein Sohn! Dir ist der härtre Kampf gelungen. Nimm dieses Kreuz. Es ist der Lohn Der Demut, die sich selbst bezwungen.”

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Illustration zu Der Kampf mit dem Drachen

Interpretation

Das Gedicht "Der Kampf mit dem Drachen" von Friedrich von Schiller handelt von einem Ritter, der einen Drachen besiegt, um das Volk zu befreien. Doch als er seinen Triumph feiern will, wird er von seinem Meister zur Rede gestellt. Dieser erklärt ihm, dass der wahre Kampf nicht gegen äußere Feinde, sondern gegen den eigenen Willen und die eigene Ungehorsamkeit geführt werden muss. Der Ritter erkennt seinen Fehler und wird mit einem Kreuz belohnt, das die Demut symbolisiert. Das Gedicht ist in drei Teile gegliedert. Im ersten Teil wird der Kampf des Ritters gegen den Drachen geschildert. Er besiegt das Ungeheuer und wird von den Menschen als Held gefeiert. Im zweiten Teil berichtet der Ritter seinem Meister von seiner Tat. Dieser fragt ihn nach der ersten Pflicht eines Ritters und erhält die Antwort: Gehorsam. Doch der Meister wirft dem Ritter vor, dass er gegen das Gesetz verstoßen hat, indem er den Kampf auf eigene Faust begonnen hat. Im dritten Teil erklärt der Meister dem Ritter, dass der wahre Kampf gegen den eigenen Willen und die eigene Ungehorsamkeit geführt werden muss. Er vergleicht den Drachen mit einer Schlange, die das Herz vergiftet und Zwietracht und Verderben stiftet. Der Ritter erkennt seinen Fehler und wird mit einem Kreuz belohnt, das die Demut symbolisiert.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Was rennt das Volk, was wälzt sich dort Die langen Gassen brausend fort?
Anapher
Und tausend Stimmen werden laut: "Das ist der Lindwurm, kommt und schaut, Der Hirt und Herden uns verschlungen! Das ist der Held, der ihn bezwungen!"
Enjambement
Und vor den edeln Meister tritt Der Jüngling mit bescheidnem Schritt; Nachdrängt das Volk, mit wildem Rufen, Erfüllend des Geländers Stufen.
Hyperbel
Das ist der Held, der ihn bezwungen! Viel′ andre zogen vor ihm aus, Zu wagen den gewalt′gen Strauß, Doch Keinen sah man wiederkehren; Den kühnen Ritter soll man ehren!
Metapher
Der Drache, der das Land verödet, Er liegt von meiner Hand getötet;
Personifikation
Und tausend Stimmen werden laut:
Reimschema
AABB
Symbolik
Das Kreuz als Symbol für Christentum und Ritterlichkeit
Vergleich
Und Alles bild′ ich nach, genau, Und kleid′ es in ein scheußlich Grau; Halb Wurm erschien′s, halb Molch und Drache, Gezeuget in der gift′gen Lache.