Der Kaiser von China spricht:

Hugo von Hofmannsthal

1898

In der Mitte aller Dinge Wohne Ich, der Sohn des Himmels. Meine Frauen, meine Bäume, Meine Tiere, meine Teiche Schließt die erste Mauer ein. Drunten liegen meine Ahnen: Aufgebahrt mit ihren Waffen, Ihre Kronen auf den Häuptern, Wie es einem jeden ziemt, Wohnen sie in den Gewölben. Bis ins Herz der Welt hinunter Dröhnt das Schreiten meiner Hoheit. Stumm von meinen Rasenbänken, Grünen Schemeln meiner Füße, Gehen gleichgeteilte Ströme Osten-, west- und süd- und nordwärts, Meinen Garten zu bewässern, Der die weite Erde ist. Spiegeln hier die dunkeln Augen. Bunten Schwingen meiner Tiere, Spiegeln draußen bunte Städte, Dunkle Mauern, dichte Wälder Und Gesichter vieler Völker. Meine Edlen, wie die Sterne, Wohnen rings um mich, sie haben Namen, die ich ihnen gab, Namen nach der einen Stunde. Da mir einer näher kam, Frauen, die ich ihnen schenkte, Und den Scharen ihrer Kinder; Allen Edlen dieser Erde Schuf ich Augen, Wuchs und Lippen. Wie der Gärtner an den Blumen. Aber zwischen äußern Mauern Wohnen Völker meine Krieger, Völker meine Ackerbauer. Neue Mauern und dann wieder Jene unterworfnen Völker, Völker immer dumpfern Blutes, Bis ans Meer, die letzte Mauer, Die mein Reich und mich umgibt.

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Illustration zu Der Kaiser von China spricht:

Interpretation

Das Gedicht "Der Kaiser von China spricht" von Hugo von Hofmannsthal beschreibt die absolute Macht und Zentralität des Kaisers im chinesischen Kaiserreich. Der Kaiser sieht sich als Mittelpunkt der Welt, umgeben von seinen Frauen, Tieren und Besitztümern, die von einer Mauer umschlossen sind. Seine Ahnen wohnen in den Gewölben, und seine Hoheit dröhnt bis ins Herz der Welt. Der Kaiser kontrolliert die Ströme, die seinen Garten, die Erde, bewässern, und seine Edlen wohnen um ihn herum wie Sterne. Er hat ihnen Namen und Frauen gegeben und ihnen Augen, Wuchs und Lippen geschaffen. Das Gedicht verdeutlicht die hierarchische Struktur des chinesischen Kaiserreichs, in der der Kaiser an der Spitze steht und alle Macht innehat. Die Krieger und Ackerbauer des Kaisers sind in äußeren Mauern untergebracht, und immer dumpfere Völker leben in immer neuen Mauern, bis hin zum Meer, das das Reich und den Kaiser umgibt. Diese Struktur symbolisiert die Ausdehnung und den Einfluss des chinesischen Kaiserreichs. Das Gedicht vermittelt auch ein Gefühl von Isolation und Distanz, das der Kaiser durch seine Macht und seine Position erfährt. Die Beschreibung der äußeren Mauern und der immer dumpferen Völker deutet auf eine zunehmende Entfremdung und den Verlust von Nähe und Vertrautheit hin. Der Kaiser, obwohl er der Mittelpunkt der Welt ist, ist in seiner Macht gefangen und von der Außenwelt abgeschottet.

Schlüsselwörter

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Wortwolke

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Stilmittel

Anapher
Meine Frauen, meine Bäume, Meine Tiere, meine Teiche
Bildsprache
Grünen Schemeln meiner Füße
Hyperbel
Bis ins Herz der Welt hinunter
Kontrast
Spiegeln hier die dunkeln Augen. Bunten Schwingen meiner Tiere, Spiegeln draußen bunte Städte, Dunkle Mauern, dichte Wälder
Metapher
In der Mitte aller Dinge Wohne Ich, der Sohn des Himmels
Parallelismus
Osten-, west- und süd- und nordwärts
Personifikation
Dröhnt das Schreiten meiner Hoheit
Reihung
Völker immer dumpfern Blutes, Bis ans Meer, die letzte Mauer
Symbolik
Meine Edlen, wie die Sterne