Der junge Gelehrte

Christian Fürchtegott Gellert

1769

Ein junger Mensch, der viel studierte, Und, wie die Eltern ganz wohl sahn, Was Großes schon im Schilde führte, Sprach einen Greis um solche Schriften an, Die stark und sinnreich denken lehrten, Mit einem Wort, die zum Geschmack gehörten. Der Alte ward von Herzen froh Und lobt′ ihm den Homer, den Plato, Cicero Und hundert mehr aus alt und neuer Zeit, Die mit den heil′gen Lorbeerkränzen Der Dichtkunst und Wohlredenheit, Umleuchtet von der Ewigkeit, Den Jünglingen entgegenglänzen. “O!” hub der junge Mensch mit stolzem Lächeln an: “Ich habe sie fast alle durchgelesen; Allein -” “Nun gut”, sprach der gelehrte Mann, “Sind sie nach Seinem Sinn gewesen: So muß Er sie noch zweimal lesen; Doch sind sie Ihm nicht gut genug gewesen: So sag′ Er′s ja den Klugen nicht; Denn sonst erraten sie, woran es Ihm gebricht, Und heißen Ihn die Zeitung lesen.”

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Illustration zu Der junge Gelehrte

Interpretation

Das Gedicht "Der junge Gelehrte" von Christian Fürchtegott Gellert handelt von einem jungen Menschen, der sich sehr gebildet und gelehrt gibt. Er sucht Rat bei einem alten Mann, um sein Wissen zu vertiefen. Der Alte empfiehlt ihm, die Werke großer Denker und Dichter wie Homer, Plato und Cicero zu studieren. Doch der junge Mensch gibt an, diese Werke bereits gelesen zu haben. Der alte Mann rät ihm daraufhin, die Werke noch einmal zu lesen, um sie wirklich zu verstehen. Sollte der junge Mensch sie jedoch nicht für gut genug befinden, soll er das nicht kundtun, da die Klugen sonst erkennen könnten, woran es ihm mangelt. Stattdessen solle er lieber die Zeitung lesen. Das Gedicht kritisiert die Oberflächlichkeit und den Dünkel des jungen Menschen, der sich zwar vieles angelesen hat, aber die tiefere Bedeutung der Werke nicht erfasst. Der alte Mann erkennt dies und rät ihm, sich nicht zu weit aus dem Fenster zu lehnen, sondern sich erst einmal mit den Grundlagen auseinanderzusetzen. Die Zeitung, die der junge Mensch stattdessen lesen soll, symbolisiert die leicht verdauliche, aber oberflächliche Information, die nicht zu tieferem Verständnis führt. Das Gedicht verdeutlicht die Bedeutung von Demut und gründlicher Auseinandersetzung mit Wissen, anstatt sich nur auf Halbwissen zu verlassen. Gellert nutzt das Gedicht, um eine wichtige Lektion über Bildung und Weisheit zu vermitteln. Es geht nicht darum, möglichst viele Bücher gelesen zu haben, sondern darum, die Inhalte wirklich zu verstehen und zu verinnerlichen. Der junge Mensch verkörpert den typischen "Gelehrten", der zwar viel weiß, aber nicht die Weisheit besitzt, sein Wissen richtig einzuordnen und anzuwenden. Das Gedicht fordert dazu auf, sich nicht von oberflächlichem Wissen blenden zu lassen, sondern sich auf den Weg zu machen, um wahre Einsicht und Verständnis zu erlangen.

Schlüsselwörter

mensch sprach gut gewesen lesen junger viel studierte

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Die Wiederholung von Konsonanten, wie 'stark und sinnreich' und 'heil′gen Lorbeerkränzen'
Anapher
Die Verwendung von 'die' am Anfang mehrerer Zeilen (z.B. 'Die mit den heil′gen Lorbeerkränzen')
Anspielung
Die Erwähnung von Homer, Plato und Cicero als Beispiele für große Denker und Schriftsteller
Hyperbel
Die Erwähnung von 'hundert mehr aus alt und neuer Zeit'
Ironie
Der Stolz des jungen Menschen, der die Werke 'fast alle durchgelesen' hat
Kontrast
Der Kontrast zwischen dem 'jungen Menschen' und dem 'Greis'
Metapher
Der 'heil′gen Lorbeerkränze' als Symbol für Ruhm und Anerkennung
Personifikation
Die 'Ewigkeit' wird als etwas dargestellt, das die Lorbeerkränze erleuchtet
Rhetorische Frage
Die implizierte Frage in 'Sind sie nach Seinem Sinn gewesen'