Der Jüngling und die Spinne

Hugo von Hofmannsthal

1924

vor sich mit wachsender Trunkenheit

Sie liebt mich! Wie ich nun die Welt besitze Ist über alle Worte, alle Träume: Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze Die stillen Wolken tieferleucht′te Räume Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt: So trägt es mich - daß ich mich nicht versäume! Dem schönen Leben, Meer und Land zu Gast. Nein! wie ein Morgentraum vom Schläfer fällt Und in die Wirklichkeit hineinverblaßt, Ist mir die Wahrheit jetzt erst aufgehellt: Nicht treib ich als ein Gast umher, mich haben Dämonisch zum Gebieter hergestellt Die Fügungen des Schicksals: Junge Knaben Sind da, die Ernst und Spiele von mir lernten, Ich seh, wie manche meine Mienen haben, Geheimnisvoll ergreift es mich, sie ernten Zu sehn; und an den Ufern, an den Hügeln Spür ich in einem wundervoll entfernten Traumbilde sich mein Innerstes entriegeln Beim Anblick, den mir ihre Taten geben. Ich schaue an den Himmel auf, da spiegeln Die Wolkenreiche, spiegeln mir im Schweben Ersehntes, Hergegebenes, mich, das Ganze! Ich bin von einem solchen großen Leben Umrahmt, ich habe mit dem großen Glanze Der schönen Sterne eine also nah Verwandte Trunkenheit – Nach welcher Zukunft greif ich Trunkner da? Doch schwebt sie her, ich darf sie schon berühren: Denn zu den Sternen steigt, was längst geschah, Empor, und andre, andre Ströme führen Das Ungeschehene herauf, die Erde Läßt es empor aus unsichtbaren Türen, Bezwungen von der bittenden Gebärde!

Der Jüngling muß zurücktreten

Welch eine Angst ist hier, welch eine Not. Mein Blut muß ebben, daß ich dich da sehe, Du häßliche Gewalt, du Tier, du Tod! Der großen Träume wundervolle Nähe Klingt ab, wie irgendwo das ferne Rollen Von einem Wasserfall, den ich schon ehe Gehört, da schien er kühn und angeschwollen, Jetzt sinkt das Rauschen, und die hohe Ferne Wird leer und öd aus einer ahnungsvollen: Die Welt besitzt sich selber, o ich lerne! Nicht hemme ich die widrige Gestalt, So wenig als den Lauf der schönen Sterne. Vor meinen Augen tut sich die Gewalt, Sie tut sich schmerzend mir im Herzen innen, Sie hat an jeder meiner Fibern Halt, Ich kann ihr - und ich will ihr nicht entrinnen: Als wärens Wege, die zur Heimat führen, Reißt es nach vorwärts mich mit allen Sinnen Ins Ungewisse, und ich kann schon spüren Ein unbegreiflich riesiges Genügen Im Vorgefühl: ich werde dies gewinnen: Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen. Nun spür ich schaudernd etwas mich umgeben, Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne, Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben.

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Illustration zu Der Jüngling und die Spinne

Interpretation

Das Gedicht "Der Jüngling und die Spinne" von Hugo von Hofmannsthal thematisiert die existenzielle Erfahrung des jungen Helden, der sich in einem Zustand euphorischer Trunkenheit befindet. Er fühlt sich von der Welt umarmt und von einem großen Leben umrahmt. Die Wirklichkeit erscheint ihm wie ein Morgentraum, der in die Realität hineinverblasst. Er erkennt, dass er nicht nur ein Gast in der Welt ist, sondern dass ihn die Fügungen des Schicksals zum Gebieter gemacht haben. Er spürt eine geheimnisvolle Verbundenheit mit anderen jungen Menschen und erlebt eine tiefe Identifikation mit den Taten und dem Anblick der Natur. Doch plötzlich tritt eine Angst und Not in das Gedicht ein. Der junge Held muss zurücktreten und erkennt die hässliche Gewalt des Todes. Die großen Träume und die wundervolle Nähe der Wirklichkeit klingen ab wie das ferne Rollen eines Wasserfalls. Die Welt besitzt sich selbst, und der junge Held kann die widrige Gestalt des Todes nicht aufhalten. Er spürt eine schmerzende Gewalt in seinem Herzen und an seinen Fibern. Er kann ihr nicht entrinnen, sondern wird von ihr nach vorne gerissen ins Ungewisse. Er ahnt ein riesiges Genügen im Vorgefühl und weiß, dass er Schmerzen leiden und zufügen wird. Er spürt etwas um sich herum, das sich bis an die Sterne türmt und das er Leben nennt.

Schlüsselwörter

schönen leben großen sterne trunkenheit welt alle träume

Wortwolke

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Stilmittel

Alliteration
Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen
Anapher
Schmerzen zu leiden, Schmerzen zuzufügen
Bildsprache
Es türmt sich auf bis an die hohen Sterne
Hyperbel
Mir gilt es, daß von jeder dunklen Spitze / Die stillen Wolken tieferleucht′te Räume / Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt
Kontrast
Nicht treib ich als ein Gast umher / Ich bin von einem solchen großen Leben / Umrahmt
Metapher
Als wärens Wege, die zur Heimat führen
Personifikation
Die stillen Wolken tieferleucht′te Räume / Hinziehn, von ungeheurem Traum erfaßt
Symbolik
Die Spinne als Symbol für das Schicksal oder die Macht des Lebens
Synästhesie
Und seinen Namen weiß ich nun: das Leben