Der Jüngling am Bache

Friedrich von Schiller

1803

An der Quelle saß der Knabe, Blumen wand er sich zum Kranz. Und er sah sie fortgerissen, Treiben in der Wellen Tanz. Und so fliehen meine Tage, Wie die Quelle, rastlos hin! Und so bleichet meine Jugend, Wie die Kränze schnell verblühn.

Fraget nicht, warum ich traure In des Lebens Blütenzeit! Alles freuet sich und hoffet, Wenn der Frühling sich erneut. Aber diese tausend Stimmen Der erwachenden Natur Wecken in dem tiefen Busen Mir den schweren Kummer nur.

Was soll mir die Freude frommen, Die der schöne Lenz mir beut? Eine nur ist′s, die ich suche, Sie ist nah und ewig weit. Sehnend breit′ ich meine Arme Nach dem teuren Schattenbild, Ach, ich kann es nicht erreichen, Und das Herz bleibt ungestillt!

Komm herab, du schöne Holde, Und verlass dein stolzes Schloss! Blumen, die der Lenz geboren, Streu′ ich dir in deinen Schoß. Horch, der Hain erschallt von Liedern, Und die Quelle rieselt klar! Raum ist in der kleinsten Hütte Für ein glücklich liebend Paar.

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Illustration zu Der Jüngling am Bache

Interpretation

Das Gedicht "Der Jüngling am Bache" von Friedrich von Schiller handelt von der Sehnsucht und Melancholie eines jungen Mannes, der am Bach sitzt und Blumen zu einem Kranz bindet. Er beobachtet, wie die Blumen im Wasser treiben und vergleicht dies mit dem rastlosen Fließen seiner eigenen Tage und dem schnellen Verblühen seiner Jugend. Der Jüngling fühlt sich einsam und traurig, obwohl die Natur um ihn herum erwacht und Freude und Hoffnung verbreitet. Er sehnt sich nach einer bestimmten Person, die ihm jedoch unerreichbar scheint, und sein Herz bleibt ungestillt. In der zweiten Strophe fragt der Jüngling, warum er in der Blütezeit des Lebens trauert, während alle anderen sich freuen und hoffen. Die tausend Stimmen der erwachenden Natur wecken in ihm nur den schweren Kummer. Er fühlt sich von der umgebenden Freude und dem Neubeginn des Frühlings nicht angesprochen und kann sich nicht mit der allgemeinen Stimmung identifizieren. In der dritten Strophe drückt der Jüngling seine Sehnsucht nach der einen aus, die er sucht. Er streckt seine Arme sehnsüchtig nach dem "teuren Schattenbild" aus, kann es jedoch nicht erreichen. Die Freude, die der Frühling ihm bietet, ist ihm nicht von Nutzen, da er nur nach dieser einen Person verlangt, die nah und doch ewig weit entfernt zu sein scheint. In der letzten Strophe wendet sich der Jüngling direkt an die schöne Holde, die er anfleht, von ihrem stolzen Schloss herabzukommen und ihn zu besuchen. Er verspricht, ihr Blumen in den Schoß zu streuen und weist darauf hin, dass selbst in der kleinsten Hütte Platz für ein glücklich liebendes Paar ist. Das Gedicht endet mit der Hoffnung des Jünglings, dass die Holde seine Sehnsucht erhören und zu ihm kommen möge, um gemeinsam mit ihm die Freude der Liebe zu erleben.

Schlüsselwörter

quelle blumen schöne lenz saß knabe wand kranz

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Stilmittel

Frage
Fraget nicht, warum ich traure In des Lebens Blütenzeit
Metapher
Glücklich liebend Paar
Personifikation
Und er sah sie fortgerissen, Treiben in der Wellen Tanz