Der Jubelgreis

Adolf Friedrich Graf von Schack

1897

Meiner Kindheit frühster Lehrer, Meiner Jugend Freund und Rat! Gerne wohl als Freudenmehrer Wär′ ich diesem Fest genaht, Dem dein Herz, in sich beseligt, Jugendlich entgegenschlägt, Ob es gleich des Alters Schneelicht Bleich auf deine Stirne legt.

Hätt′ ich Oden, leicht von Takte, Flaccus′ Lieder und Catulls, Die beim Schneeglanz des Sorakte Flügelten den trägen Puls, Hätt′ ich Rosen von Präneste Oder Trauben von Falern, O Geliebter, dir zum Feste Brächt′ ich solche Spenden gern.

Aber ach, was kann ich bringen, Ich, der Bettler, deinem Herd? Gleichwie mit gebrochnen Schwingen In das Nest der Vogel kehrt, Müde so, ein irrer Wandrer, Kehr′ ich von der Lebensbahn; O fürwahr, ich bin ein andrer, Als da wir zuletzt uns sahn.

Kennst du mich nicht mehr, mein Alter, Nicht den Knaben, hoffnungsfroh, Welcher munter wie ein Falter Deiner Vaterhut entfloh? Düster steht er nun, ein Stummer, An des Erdenglückes Grab, Und der Nächte öder Schlummer Löst den Gram der Tage ab.

Doch genug! In meiner Blindheit Seh′ ich nicht, was mich umgiebt? Nicht die Stätte meiner Kindheit, Wo ich jeden Platz geliebt? Hier die Halle, dort das Estrich, Alles grüßt mich so vertraut, Und der Tag bedünkt mich gestrig, Als ich sie zuletzt geschaut.

Ja, wie sich die Lüfte klären, Lacht der Himmel wieder blau, Und im Auge mir die Zähren Wandeln sich in Freudentau; Auf der Lippe stirbt das Klaglied, Und mein Sang, geliebter Greis, Fröhlich, wie der Lerche Taglied, Töne nur zu deinem Preis.

O der Zeit, sie war so selig, Als mich Dämmrung noch umwob, Und durchs Zwielicht sich allmählich Meines Lebens Sonne hob, Wie du da, ein früher Klopfer, Mich den Schlaf zu scheuchen batst, Und mit mir zum Morgenopfer In den Griechentempel tratst!

Wie der Hymnus, Zeus gewidmet, Der Gesang des Pindaros, Dann in Worten, schöngerhythmet, Ueber unsre Lippen floß, Wie für ihn, der goldenthronig, Mit der Leier prangt, Apoll, Süßer als Hymettushonig Dir der Preis vom Munde quoll!

Wie du mir, da noch der Kreisel Unter meinem Schlage flog, Und ich schweifend, wie ein Weisel, Neben dir das Feld durchzog, In den Blüten und im Laube Deutetest den großen Geist, Der im kleinsten Sonnenstaube Wie in den Planeten kreist!

O wie oft, wenn uns zu Häupten Ihren Kelch die Nacht erschloß Und ein Meer von hingestäubten Welten durch die Himmel goß, Stand ich da in heil′gem Schauer, Während du, zu mir geneigt, Jeden Stern in dunkelblauer Aetherferne mir gezeigt!

Wenn der Blick dann durch die lichten Höhen mit dem Sehrohr klomm, Bis aus den zerteilten Schichten Neue Weltenfülle glomm, O wie ward sich da mein kleines Herz der Ewigkeit bewußt! O wie sank ich nicht an deines, Neu gestählt für Leid und Lust!

Ja, Geliebter, überschwenglich Fühl′ ich mich in deiner Schuld! Alles gab, was unvergänglich In mir ist, mir deine Huld. Der du mir den Becher randvoll Fülltest mit der Liebe Trank, Ach! was hab′ ich eine Handvoll Staubes nur für dich zum Dank!

Mag der Himmel, der Vergelter, Jeden Lenz dein Glück erneun! Mag der Herbst auf deine Kelter Seine vollsten Trauben streun, Und aus Krügen, schön von Henkel, Eh dein Auge Nacht umhüllt, Sei von Enkeln deiner Enkel Dir das letzte Glas gefüllt.

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Illustration zu Der Jubelgreis

Interpretation

Das Gedicht "Der Jubelgreis" von Adolf Friedrich Graf von Schack ist ein bewegendes Loblied auf einen verehrten Lehrer und Freund, der in fortgeschrittenem Alter steht. Der lyrische Ich-Erzähler erinnert sich an die gemeinsame Jugend und die prägenden Erlebnisse mit dem Jubilar. Er schildert, wie dieser ihm einst den Zugang zur griechischen Kultur und zur Natur eröffnet hat und ihm so unauslöschliche Eindrücke vermittelt hat. Im weiteren Verlauf des Gedichts wird deutlich, dass der Erzähler selbst inzwischen gealtert und verändert ist. Er fühlt sich dem Jubilar gegenüber in einer tiefen Schuld, da dieser ihm einst die Liebe zur Kunst und zur Natur eingeflößt hat. Nun kann er nur noch "eine Handvoll Staub" als Dank darbringen, was die Vergänglichkeit des menschlichen Daseins unterstreicht. Trotz der Trauer über die vergangene Zeit und die eigene Vergänglichkeit endet das Gedicht jedoch versöhnlich und hoffnungsvoll. Der Erzähler wünscht dem Jubilar, dass er noch viele glückliche Jahre erleben möge, umgeben von seiner Familie. Die letzten Zeilen deuten auf eine Art Auferstehung und ewiges Leben durch die Nachkommen hin. Insgesamt ist das Gedicht ein eindrucksvolles Plädoyer für die Bedeutung von Bildung, Freundschaft und der Weitergabe von Wissen und Leidenschaft über Generationen hinweg.

Schlüsselwörter

geliebter jeden himmel kindheit herz hätt trauben zuletzt

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Stilmittel

Hyperbel
O Geliebter, dir zum Feste Brächt' ich solche Spenden gern
Metapher
Sei von Enkeln deiner Enkel Dir das letzte Glas gefüllt
Personifikation
Und der Nächte öder Schlummer Löst den Gram der Tage ab
Vergleich
Wenn uns zu Häupten Ihren Kelch die Nacht erschloß